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Sabriye oder Braille ohne Grenzen

Project date: August 2007

Das fuenftaegige Trekking durch die Bergwelt Tibets war zu Ende. Die Luft war duenn auf 5.200 Metern. Zwei von uns litten nicht schlecht unter der Hoehenkrankheit und und als die Beiden sich etwas zu viel “Diamox” verabreichten, kamen sie denn auch in den Genuss sämtlicher auf dem Beipackzettel aufgefuehrten Nebenwirkungen.

Ich blieb Gott sei Dank verschont. Dennoch, das Gepaeck lastete schwer auf den Schultern, die Atemlosigkeit ist gross, die Temperaturen gehen gegen Null und die Naechte auf den harten Matratzen in den Zelten sind eine Herausforderung fuer die Knochen.

Aber… es war ein beeindruckender und sehr lohnendswerter Trip in die Hoehen des Himalayas. Jetzt zurueck in Lhasa goenne ich mir eine Massage. Tenzin der Masseur ist neunzehn und … er ist blind. Wir kommen ins Gespraech und er berichtet mir von Sabriye, seiner Lehrerin und der Blindenschule, dessen erster Schueler er vor neun Jahren war.

Natuerlich! Da faellt es mir ein: Sabriye Tenberken. In diversen Talkshows habe ich sie gesehen. “Mein Weg fuehrt nach Tibet” heisst ein Buch von ihr. Ein Bestseller uebersetzt in elf Sprachen, sie entwickelte die Blindenschrift (Braille) auf tibetisch, sie erhielt das Bundesverdienstkreuz und, und, und.

Sabriye ist selber blind. 1998 machte sie sich alleine auf nach China und gelangte auf Umwegen nach Tibet, genauer, hier nach Lhasa. Mit vielen Schwierigkeiten gründete sie hier die Blindenschule “Braille Without Borders” (www.braillewithoutborders.org) … Ihr Weg bis dahin ist ebenso spannend wie beeindruckend.

Ich bitte Tenzin, mich zu ihr zu bringen. Sicher, kennenlernen moechte ich Sabriye, doch vielleicht ergeben sich auch Ansatzpunkte fuer ein neues Projekt fuer uns. Arm in Arm laufen Tenzin und ich durch die Altstadt. Das geht schneller für ihn, als “freihaendig” mit dem Blindenstock … 15 Min. spaeter sind wir da.

Paul, Sabriyes Lebenspartner und Mitgründer der Schule empfängt mich mit breitem Lachen einer quirligen Art und mit einer Kostprobe seines niederländischen Humors. Er gefaellt mir auf Anhieb. Auch Sabriye kommt Minuten spaeter dazu. Schnell sind wir alle auf einer Wellenlaenge. Unterhalten uns praechtig und auch ein paar gute Witze ueber Blinde fehlen nicht in unseren ersten Saetzen.

Ich lerne Sabriye kennen als eine voellig geerdete und natürliche junge und huebsche Frau. Nur manchmal, wenn sie nur beiläufig erwaehnt, was sie alles geleistet und erreicht hat, bekomme ich eine Ahnung davon, was alles in dieser Frau steckt. Bin beeindruckt. Erst recht, als ich erfahre, dass sie mit sechs blinden Schuelern den Mount Everest bestiegen hat. Das ganze wurde von einem Kamerateam begleitet. Im Januar ist es in Deutschland soweit und die Besteigung kommt als Film in unsere Kinos. “Blindsight” heisst das Werk … und ich werde es bestimmt nicht verpassen….!

“Hier, ich hab noch was fuer Dich” sagt sie als ich mich verabschiede, und sie schenkt mir ihr Bestseller-Buch. Auf der Titelseite ist sie zu sehen mit einem 10-jährigen tibetischen Jungen. Sie deutet auf ihn und meinte nur “schau mal, das ist Tenzin, der hat dich heute massiert”. “Welch schoener Zufall”, dachte ich und fuehlte mich irgendwie … ja, sehr beruehrt.

Neben der Blindenschule haben die beiden noch zwei weitere Projekte ins Leben gerufen. 300 km weiter suedwestlich haben sie ein Stueck Land gekauft und darauf eine 16 ha grosse Farm aufgebaut. Ausbildungsstätte soll sie sein fuer die blinden Schueler. In der Kaeserei, der Bio-Bäckerei, der Textilwerkstatt und den Staellen erfolgt heute schon eine richtige Berufsausbildung.

In Kerala im Süden Indiens wird derzeit ein Seminacenter aufgebaut. Ab Juli 2008 sollen dort blinde, hochengagierte High Potenzials zu Projektmanager ausgebildet werden. Doch nur für Projekte mit sozialer Ausrichtung. Klasse Idee!

Aber Probleme gibt es natürlich auch genug. Chinesische Behoerden stellen sich quer bei den vielen “notwendigen” Genehmigungen fuer alles Moegliche, Nachbarn beschweren sich, die Finanzierung der monatlichen laufenden Kosten fuer die Schule war noch nie sicher und so ist es jedesmal ein Kraftakt das Geld zusammen zu bekommen, 5.000 Touristen klopfen jedes Jahr an die Schultür und wollen eine von den kostenlosen Fuehrungen.

STOP!

“Irgendwas passt da nicht zusammen” wende ich ein. “Monatliche Finanzierung nicht icher, 5.000 Besucher und Fuehrung kostenlos?”

Die Diskussion darüber, Besucher nur noch kostenpflichtig und professionell durch die Schule zu fuehren und darüber regelmäßige Einnahmen zu erzielen bricht los. “Wir wollen doch nicht zum Zoo werden” … “Aber das seid ihr doch schon, ein kostenloser sogar mit ueber 5.000 Zoobesuchern…” so gab ein Wort das andere. Ergebnis: Das “Besuchswesen” soll professionalisiert werden.

Ich uebernahm den Job, das entsprechende Konzept und den Business Case dafür auszuarbeiten.

In den folgenden vier Tagen wurde recherchiert, Besuchsprogramme für Blindenschule und Farm entwickelt, internationale Reiseanbieter angeschrieben, um ihnen die Programme schmackhaft zu machen, örtliche Reiseagenturen und Hotels befragt, Verlage von Reisefuehrern angeschrieben, Preise kalkuliert, Eintrittskarten designed und natuerlich gerechnet… und es sollte sich rechnen. Ja, es bleibt sogar noch etwas uebrig. Und wenn erst einmal im naechsten Jahr “Blindsight” in den Kinos anläuft wird der Besucherstrom wohl noch stärker…

Am 16. August konnte ich nach vier Tagen intensiver Zusammenarbeit mit Sabriye das fertige Konzept inkl. Musterbriefe, Maßnahmenplan, Business Case etc. an die beiden übergeben.

Leider ist die Zeit viel zu kurz, um schon Erfolge mitzuerleben, denn am nächsten Tag schon muss ich weiter nach Kathmandu. Mein Visa läuft aus. Schade. Sehr schade!

Ich wünsche mir sehr, dass die weitere Umsetzung so gelingt, wie geplant und berechnet und das auf diese Weise die “running costs” der Schule künftig Monat für Monat gesichert sind. Ich werde per E-Mail in Kontakt bleiben mit den beiden. Und bestimmt nicht nur wegen des Projekts, denn die Symphatie auf beiden Seiten ist groß.

Ich hoffe sehr, dass sich unsere Wege bald wieder kreuzen. Vielleicht schon, wenn wir mit dem Motorrad nach Indien reisen … wer weiß…

Dieses war das erste unserer Projekte bei dem Arbeitskraft und kein Geld “geflossen” ist. Und wenn alles so kommt, wie geplant, ist es sicher eines der nachhaltigsten Ergebnisse, was wir bisher mit unseren Projekten erzielen konnten.

Dies ist vielleicht nur ein kleines, doch sicher eines der sinngebendsten Projekte, die ich je durchführen durfte.

Vielen Dank Sabriye und Paul und alles Gute für Euch und Eure Schüler


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