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289 Niňos

Project date: September 2008

“Ciudad de Ninos” wird das Waisenheim in Salamanca, in der Mitte Mexicos, genannt. „Stadt der Kinder“ heisst es uebersetzt und genau 289 Kids sind dort untergebracht. Kinder ohne Eltern oder Kinder, die von ihren Eltern nicht mehr gewollt werden. Von einem bis zu dreissig Jahren sind sie alt und fast alle sind offiziell adoptiert worden... adoptiert von ... Padre Pedro Gutierrez Farias. 63 Jahre ist er alt, weisses Haar, beeindruckend sieht er aus in seinem weissen Gewand. Er steht in der Mitte von bestimmt 100 Kindern, als ich ihn das erste mal sah. Sie hingen ihm an allen Rockzipfeln, schauten zu ihm auf, strahlten und sagten so etwas wie „Mi Padre“ ...

Ja, ich muss ihm einfach glauben, wenn Pedro mir sagt, dass sie alle eine grosse Familie sind. Sein Blick ist fesselnd. Eine immense Ruhe, Kraft und vor allem Guete liegt in seinen Augen. Seine Ausstrahlung fesselt, ich kann mich kaum von seinen Augen, seinem ehrlichem und mildem Laecheln loesen. Dieser Mann hat was und auch die Kinder spueren, dass sie hier gut aufgehoben sind. Pedro ist Vater von 289 Kindern, welch Verantwortung und ich habe von der ersten Sekunde an keinen Zweifel, dass er dieser auch gerecht wird.

Nur zu gern moechte ich ein Projekt mit ihm starten und frage ihn, was am dringendsten gebraucht wird. Essen, wir benoetigen Geld fuer Essen. „Jeden Monat benoetige ich 4300 USD. Eintausend davon sind regelmaessiges Geld. Das heisst ich muss jeden Monat noch 3.300 USD organisieren. Vor zwei Monaten ist es mir nicht gelungen und wir mussten zwei von unseren acht Schweinen verkaufen, um genug zu haben. Oft bekommen wir auch Essensspenden von Restaurants oder Lebensmittelgeschaeften. Diese sind jedoch sehr unregelmaessig, so dass manchmal nichts und manchmal zuviel kommt. Wir muessen dann viel vernichten, da wir nur wenig aufbewahren koennen bei der Hitze.“

Da kam mir eine Idee „Padre, wie waere es mit einer grossen Gefriertruhe? Wuerde die nicht helfen?“ „Ja,“ strahlten seine blauen Augen unter dem weissen Haar, „das schon, doch dafuer reicht das Geld nun wirklich nicht.“

„Lass mich sie besorgen, Pedro“ sage ich ganz unueberlegt und spontan, ohne zu wissen was so etwas kostet. Pedro laechelt: „Ja, das nehmen wir sehr gerne an, das waere sehr gut...“. Als seine ruhige Stimme dieses sagt, legt er seine Hand auf meine und blickt mir in meine Augen. In diesem Moment –ich weiss nicht weshalb- durchfaehrt mich ein unglaublich warmes Gefuehl ... es strahlt von der Brust herunter bis zu den Beinen ... bin irritiert, sprachlos, weiss nicht recht was es ist, kenne so ein ploetzliches, intensives Gefuehl nicht, doch bei einem war ich in dem Moment ganz sicher : Ich wusste, das ich hier genau das Richtige mit dem Geld machen werde. Ich muss schlucken und kann es immer noch kaum fassen, welch Kraft und Faszination von diesem Mann ausgeht. Immer noch irritiert ziehe ich meine Hand unter seiner hervor und sage ihm die Hilfe zu: „Ende der Woche habt ihr eine grosse Gefriertruhe, versprochen.“

Am Samstag um 10.30 Uhr wird das Geraet dann auch angeliefert. 9.112 Pesos kostet es, ca. 590 EUR. Ich treffe mich mit den Lieferanten am Waisenhaus, zahle die Truhe in bar und gehe in die Kirche, die inmitten des riesigen Gelaendes des „Ciudad de Ninos“ steht. Dort sehe ich Pedro die Messe feiern. Es ist ein besonderer Tag. Die erste Hl. Kommunion fuer 30 Jungs und Maedels. Ueber 250 Kinder sind in der Kirche. Viel verstehe ich nicht, doch eines ist mir klar. Die Kids haengen an seinen Lippen. Er scheint wahrlich die Sprache seiner Kinder zu sprechen. Es ist mucksmaeuschenstill.

Es ist nicht Disziplin die dort herrscht. Disziplin hat immer einen Moment des Unfreiwilligen in sich. Es ist auch fuer die Kids eine Art Faszination, die sie spueren und sie sprachlos zuhoeren laesst. Erneut spuere ich diese Waerme in mir aufkommen. Nie zuvor hat die Ausstrahlung eines Menschen so intensiv auf mich gewirkt. Eine wunderbare und fuer mich immer noch unglaubliche Erfahrung. Die Messe ist vorueber. Die Kids stroemen hinaus auf den grossen Platz. Fototermin. Sie stellen sich auf zu einer grossen Gruppe. In der obersten Reihe in der Mitte: Pedro. Er sieht mich fern abseits stehen und winkt mich zu sich hoch ... gern renne ich herueber und stelle mich neben ihn inmitten all seiner Kinder. Ein schoener Moment.

Dann gehen wir herueber zur Truhe. Bestimmt 100 Kinder folgen uns. Stellen sich um das Geraet. Pedro begutachtet es und stellt fest: „Ja, das ist genau das Richtige!“ Er bedankt sich vielmals und ist sicher, dass der „liebe Gott auf meiner Reise mit mir fahren wird. Er weiss allerdings –trotz seiner guten Beziehungen nach „oben“- nicht genau, mit welcher Maschine er faehrt“ ... und die Kids lachen ... und ich auch, nachdem es mir uebersetzt wurde...

Nach der Uebergabe gehen wir alle zusammen noch etwas essen. Ein kleines mexicanisches Maedchen steht in der Mitte des gefuellten Saales und spricht ein Gebet. Die restlichen Kinder fallen ein und murmeln das Tischgebet. Es gibt Reis mit Brot und ein Brei aus Huehnerfleisch. Gegessen wird von Plastiktellern. Die Loeffel sind aus Metall. Geld fuer stabile Gabeln und Messer gibt es nicht. Diese sind aus Plastik und werden wieder gespuelt. Die Fenster hinter mir sind zerbrochen, ein Wind pfeift uns ueber den Tisch ... und mir wird wieder klar, wie unendlich viel man hier noch machen koennte und ich bedauere nicht noch viel mehr Geld hier ausgeben zu koennen, denn meine Reise ist noch lang.

Als ich das Gelaende verlasse und zum Motorrad gehe folgen mir bestimmt hundert Kinder. Und als ich meinen Helm aufsetzen will, kommt der erste auf mich zu, schuettelt mir die Hand, sagt „Muchos Gracias“ und „Good Bye“. Die anderen beginnen das selbe zu tun und so schuettele ich noch viele, viele Kinderhaende bevor ich mich dann endgueltig aus Motorrad setze und voellig bewegt von dem Erlebten, das Gelaende ueber die holprige Strasse verlasse.

Es sollte sich zeigen, dass –grob ueberschlagen- mit der Gefrieftruhe jeden Monat 600 – 1000 Mahlzeiten fuer die Kinder vor dem Verderben gerettet werden koennen. Ein schoener und vor allem dauerhaft wirkender Beitrag, den ich mit dem Geld der Spender habe leisten koennen. Vielen Dank dafuer...


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