Behinderte? Die gibt es hier in Georgien nicht!
Project date: May 2007
“Dies ist jedenfalls die offizielle Version der Regierung über lange Jahre hinweg gewesen.“ Erklärte uns Heidi Schmachtenberg, Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Behindertenhilfe in Georgien. “Und auch heute hat sich nichts Wesentliches daran geändert.”
“Natürlich gibt es in Georgien Behinderte und in manchen Regionen, wie Rustawi, sogar überdurchschnittlich viele. Möglicherweise liegt das daran, dass Rustawi bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in 1991 sehr viel Schwermetallindustrie besaß und die Umweltvorschriften kaum irgendwelchen Standards entsprochen haben. Doch bewiesen ist natürlich nichts.”
Heidi Schmachtenberg weiß wovon sie spricht. Schließlich gibt es den von ihr gegründeten Verein seit über 10 Jahren und hat schon einiges in Tiflis und Umgebung bewegt.
Offiziell gibt es sie also nicht in Georgien, die Behinderten. Also werden seitens der Regierung auch keinerlei Anstrengungen unternommen, geistig oder körperlich behinderten Menschen in irgendeiner Weise das Leben zu erleichtern. Keine Aufklärung und damit kaum Verständnis in der Bevölkerung, keine Beratungsstellen, keine Hilfsmittel oder gar finanzielle Unterstützung.
Schlimmer noch. Eltern, die ein behindertes Kind bekommen, wissen sich kaum zu verhalten und halten ihre “Sorgenkinder” zu hause versteckt und damit fern jeder sozialen Integration. Kindergärten oder Schulen für Behinderte gibt es so gut wie nicht. Offizielle Ansprechpartner für ein solches Thema ebenso wenig. Oft herrscht völlige Ratlosigkeit.
Der Solinger Verein von Heidi Schmachtenberg hat in einem Teil der Schulen in Tiflis und in Rustawi je ein “Konsultationscentrum” gegründet. Diese erfüllen im Wesentlichen zwei Aufgaben:
Sie sind Anlaufstelle für ratsuchende Eltern mit behinderten Kindern. Der Bedarf ist enorm. Gibt es allein in Rustawi über 850 behinderte Kinder, werden davon lediglich 67 in der einzigen integrativen Schule oder der Beratungsstelle betreut. Die Kinder werden gründlich untersucht. Mit den gegebenen Mitteln werden Diagnosen über die Behinderung erstellt und Empfehlungen für die weitere Behandlung oder Unterbringung in anderen Institutionen gegeben. Die Diagnose d.h. die Feststellung der Schwere und Art der Behinderung ist ohne geeignetes Material jedoch oft schwierig. “Die Empfehlungen könnten noch viel besser werden, wenn es ein geeignetes, systematisches Verfahren zur Untersuchung gäbe.” so Eka Matschawariani, die Projektleiterin in Rustawi.
Das Konsultationszentrum übernimmt ferner die Frühförderung der Kinder. D.h. durch Übungen, Spiele, Musizieren, Handwerken etc. werden die zum Teil schwerbehinderten Jungen und Mädchen soweit gefördert, bis sie in Kindergärten oder Schulklassen integriert werden können. Keine leichte Aufgabe, denn nur zu oft fehlt es an den einfachsten Mitteln. Geeignetes Spielzeug, Buntstifte, Malbücher, etc. sind Mangelware.
Wir wollen hier ein wenig Hilfestellung leisten. Schließlich ist schon einiges an Spendengeldern zusammen gekommen. Den aktuellen Stand finden Sie unter „Kilometer kaufen“ auf unserer Website.
Joachim und ich haben uns entschlossen im Rahmen unseres ersten Projekts der Beratungsstelle in Tiflis und in Rustawi Sachspenden in Höhe von 500 EUR zukommen zu lassen.
Angeschafft haben wir davon für Tiflis den dringend gewünschten “Diagnosekoffer” für eine wissenschaftlich fundiertere Bestimmung der Behinderung. “Endlich hat unsere Beratung noch mehr “Hand und Fuß” und gewinnt dadurch erheblich an Qualität”, strahlt die Leiterin der Beratungsstelle, Lali Abiatari als Sie den Koffer entgegennehmen konnte.
“Noch dringender benötigt werden - besonders in Rustawi - weitere, ganz praktische Mittel, wie Spielzeug etc. für die Kinder.” So sagte man uns.
Am nächsten Tag haben wir uns auf die Motorräder gesetzt und das 30 km entfernte Rustawi besucht. Die einstige Industriestadt zeigt sich heute völlig verarmt. Hochhäuser in erbärmlichen Zuständen reihen sich aneinander, mehr als jeder Zweite ist arbeitslos, die Strassen sind gefüllt von Menschen, denen die Resignation ins Gesicht geschrieben steht.
In der Beratungsstelle inmitten dieses Hochhauswaldes täte Unterstützung wirklich gut. Die zweiten 250 EUR haben wir daher investiert in das vielfach von den Pädagogen gewünschte (Holz-) spielzeug.
Die Freude über die neuen Materialien war riesig bei den acht festen Mitarbeitern und den zum Teil schwer behinderten Kindern. Als wir die leuchtenden Augen der Kinder gesehen und die wortlose Dankbarkeit, der nur russisch und georgisch sprechenden Betreuer gespürt hatten, wussten wir, dass das Geld sehr gut angelegt ist.
Allen Spendern an dieser Stelle und auch im Namen von Ekaterina Matschawariani und Lali Abiatari, den Leiterinnen der Beratungszentren, ein riesengroßes Dankeschön.
Dennoch … dies ist erst unser erstes Projekt und es sind noch etliche Kilometer übrig, die verkauft werden sollen.
