Die indische Grenze ist passiert. Nach weiteren 2 Stunden Fahrt sind wir in Amritsar. Ein heiliger Ort fuer Sikh. Dort ist der „Goldene Tempel“. Millionen Menschen pilgern dorthin, werden durch den kleinen voellig eben goldenen Tempel geschleust, der mitten in einem grossen kuenstlich angelegten quadratischen See gelbglaenzend leuchtet und durch einen staendig durch Warteschlangen uebervoelkerten Steg mit dem Ufer verbunden ist. Wir betreten das grosse Areal. Schuhe aus! Nach ein paar weiteren Metern informiert ein Schild, dass wir Kopfbedeckung tragen muessen. Gut, mach ich auch. Darunter eine Kiste mit den buntesten Kopftuechern. Ich greife mir eines und binde es mir um...
Angezogen oder in Badekleidung stehen dort hunderte von Menschen bis zum Hals oder bis zur Huefte im Wasser, beten, uebergiessen sich mit dem Heiligen Nass, tauchen ab, kommmen wieder hoch, murmeln, summen vor sich hin, falten die Haende, verneigen sich ... Bin nur Zuschauer, der schwer nachvollziehen kann. Meine christliche Religion ist nicht so intensiv rituell, ist irgendwie versteckter, privater, denke ich in dem Moment. Schade eigentlich, denn Rituale, grade in grossem Stil ausgeuebt verleihen der Religion irgendwie ein deutlicheres Gesicht, eine bessere Sichtbarkeit, Griffigkeit und vor allem auch Gemeinschaftsgefuehl. Doch nicht nur Rituale sind es bei den Sikh. Auch Taten.
„Gebt den Armen zu essen und Schutz“ ... heisst es nicht so in vielen Religionen, doch selten hab ich es so umgesetzt gesehen wie hier. Neben dem Tempel befindet sich ein zweistoeckiges Haus. Es ist ein grosses weisses Gebaeude mit einem ca. 200 qm grossen Innenhof. Es besteht vorrangig aus einfachsten Zimmern, eigentlich nur Kammern in denen zwei Pritschen stehen. Gaeste, die hierher kommen werden kostenlos aufgenommen. Gut, es wird ein Spende erwartet ... dennoch ... grundsaetzlich ist die Uebernachtung hier kostenlos.
Wir fahren mit unseren Motorraedern in den Innenhof. Da sind sie wieder, unsere hundert Inder, die innerhalb von 2 Minuten um uns herumtrauben. Sie sagen nichts, starren nur, wollen beobachten, wollen in Ruhe staunen, ganz aus der Naehe, so nahe es geht ... ein Zoogefuehl kommt auf.
Es ist immer das selbe ... nach ein paar Minuten beginnen sie mit der Materialpruefung ... . Ich merke wie braune Haende meine Lederkombi am Aermel befuehlen und fachmaennisch auf meine Aluminiumkoffer klopfen. Wir sind Objekt. Werden untersucht. Joe und ich schmunzeln uns an ... hinweg ueber den Koepfen der oft kleineren Inder. Als ein Finger allerdings meine Griffheizung einschaltet mag ich nicht mehr ... und ich bitte doch lautstark um ein wenig Abstand. Der wird mir dann auch unter Gemurmel gewaehrt. Kann wieder durchatmen, war doch ganz schoen eng. Ja, es ist voll in Indien ... wirklich voll ... hat man mir schliesslich auch gesagt. Aber so? ... Nun gut.
Auch das Essen ist kostenlos hier am Golden Tempel und wird von einigen Tausend pilgernden Menschen an diesem Abend gewollt. In einer riesigen Halle sind rote und gruene Teppichlaeufer parallel ausgelegt. Bestimmt 30 bis 40 davon, je 150 Meter lang auf denen aufgereiht die Hungrigen auf ihre Mahlzeit warten. Jeder hat ein Aluminiumteller und –becher vor sich. Dann gehts los und eine Mannschaft mit Eimern und Kellen ausgestattet eroeffnet das Dinner. Erinnert mich irgendwie an meine Kindheit, die ich auf einem Bauernhof verbracht habe ... Jeder bekommt etwas aus dem Eimer auf den Teller gescheppt ... Vier verschiedene Eimer und Inhalte sind es, die sich letztlich auf meinem Teller einfinden. Sieht nicht grad appetitlich aus, doch es scheint alles gekocht und damit fuer den Magen nicht gefaehrlich zu sein. So dachte ich und ass. Auf das gereichte Leitungswasser verzichte ich, klar.
Halb elf. Der Fahrtag hatte es in sich ... heut morgen noch das dreckige Chaos in Lahore, der Grenzuebergang nach Indien, die Fahrt nach Amritsar ... war nicht ohne. Gehe ins Bett. Fuehle mich auch nicht so ganz wohl. Komisch.
Halb zwei. Ich wache auf. Ein widerlich starkes ziehen im Magen ... shit... so richtig verdorben hab ichs mir mit ihm. Ich liege wach... spuere was er macht, der Magen ... die Luft um mich herum ist so warm, schwuel und stickig, Joe atmet ruhig neben mir. Mir wird heiss ... ich muss an die frische Luft ... oeffne die Tuer unseres Zimmers und stehe im Innenhof ... uebersaet ist er mit schlafenden Indern ... Kinder, Frauen, Maenner, Hunde ... dicht an dicht. ... Egal, ich muss unter freiem Himmel sein ... sonst gehe ich ein. Nehme meinen Schlafsack mit raus ... quetsche mich zwischen ein paar Indern ... liege still ... atme tief ... hoffe der Magen gibt bald Ruhe. Tut er nicht.
Halb drei ... Kraempfe stellen sich ein. Will zum WC Bereich. Ein Massenklo ist das hier ... der Magen draengt ... ich stolpere ueber etliche wachwerdende Inder in Richtung des Toilettenzeichens ... man ist mir schlecht ... aber so richtig ... da seh ich sie schon ... zwanzig Toilettentueren nebeneinander gegenueber bestimmt dreissig Pissoirs ... doch ich schaffe es nicht ... mein Magen krampft mich zu Boden ... gehe in die Knie ... lege mich auf den Ruecken ... winkel die Kniee an und warte darauf das der Schmerz nachlaesst ... haaaa... das zieht ... immer noch ... dann laesst es nach. Ich atme tief ... stoehne etwas beim ausatmen ... klingt doof, aber erleichtert irgendwie ... will weiter, will aufstehen, doch ... keine Chance ... sobald ich ein Bein bewege stellt sich wieder ein ungeheurer Krampf ein ... tief einatmen, ausatmen, fast schon rhytmisches Stoehnen, warten bis er nachlaesst ... der Steinboden auf dem ich liege ist kalt ... tut gut. Bleibe liegen ... warte bis alles vorueber ist.
Fast drei Stunden ... bis halb sechs morgens liege ich dort ... regungslos, ... und diese Zeit soll mir fuer den Rest der Reise in Erinnerung bleiben. Ich will nicht sagen, ich haette diese Zeit dort unten auf dem Boden genossen, nein ... doch sie war so anders als die vielen anderen Male in meinem Leben als es mir koerperlich schlecht ging ... In diesen drei Stunden ... stand ich regelrecht „neben mir“ ... aber im positivsten Sinne. Diesmal war es nicht ich, der da lag und ueber die schlimme Situation lamentierte und sich sorgen macht, vielleicht etwas Ernsteres sich eingefangen zu haben ... Dieses mal war es anders ... ich war nicht in mir ... war „ausser mir“ ... habe mich dort liegen gesehen. War irgendwie unbeteiligt an dieser Krankheit, war Beobachter meines Koerpers, war voellig ruhig, war sogar von einer inneren Zufriedenheit, Zufriedenheit darueber, diese Situation derart erleben und nicht erleiden zu muessen... ich lehne jede Hilfe ab, die mir die Inder mitleidig zukommen lassen wollen. Nein, will keine Hilfe ... will diese Situation zu ende geniessen, war noch nie so „ausser mir“ ... und ist vielleicht eine Loesung auch kuenftig mit solchen Situationen besser zurecht zu kommen. Zudem war ich von einer unumstoesslichen inneren Sicherheit, dass die Schmerzen nichts Schlimmes bedeuten und er, der dort liegt in ein paar Stunden wieder fit ist. Keine Ahnung woher ich diese Sicherheit nehme... sie war da. Ich sehe die Pilger, die Nachts noch unterwegs sind im Sanitaerbereich, sehe die Fusskettchen an den Fesseln der nackten Fuesse der Frauen, die ueber mich drueber steigen ... sehe die sorgenvollen und mitleidigen Blicke, hoere mein Stoehnen, spuere den kalten Steinboden, rieche den sanitaeren Gestank auf Bodenhoehe ... und es geht mir sehr gut... denn ich stehe neben mir. Welch schoene Perspektive. Bin irgendwie ... herausgetreten. Ach, wuerde mir das doch nur haeufiger gelingen, wenn das Leben es mir etwas schwerer macht... denn dann ... dann kann es mir nichts anhaben. Bis heute ist es mir nicht mehr gelungen ... so „herauszutreten“ ... vielleicht muss man fuer solche Erfahrungen doch an einem heiligen Ort sein, wie hier in Amritsar am Golden Tempel der Sikh.
