“Opi, was ist da oben” fragt Annie und deutet die dunkelbraune Holztreppe hoch auf den Speicher unseres Bauernhauses. „Ach nichts, Annie, nur Gerümpel, Zeugs aus der Vergangenheit, nichts von Bedeutung, nichts was man noch brauch“
„Opi, bitte, lass uns da hochgehen. Ich will das sehen was du nicht mehr brauchst. Vielleicht brauch ich es ja noch. Bitte, bitte, bitte!“ bettelt Annie, hüpft aufgeregt auf ihren Zehenspitzen und schaut mich mit ihren stahlblauen Augen an. Augen, die sie von Ihrer Oma hat, von Oma Klärchen, meiner Frau.
Klara ist genau heute vor einem Jahr gestorben. Am morgen des Heiligen Abends. Dabei hat sie sich doch noch so sehr gewünscht das Weihnachtsfest zu erleben, zu überleben eigentlich. Doch zu früh verloren hat sie den Kampf gegen den übermächtigen Krebs. Irgendwann war er überall ... überall, sie konnte nicht mehr. Ihr einst schöner Körper war erschöpft, ausgemergelt, einfach erledigt vom unglaublichen, tagtäglichen und jahrelangen Kampf. ... Nur ihre Augen... sie zeigten nie die Erschöpfung. Sie waren immer glänzend und gefüllt mit dem sichtbaren Willen weiterzuleben. Vielleicht auch deshalb, weil Klara wusste, wie sehr ich sie liebte und wie unglaublich gern und tief ich mich in dem Blau ihrer Augen verliere.
Ich war 70 als sie starb, sie 68 und immer noch ... immer noch nach 30 Jahren Ehe konnte ich meinen Blick nicht von der Anmut ihrer Augen lassen. Hunderte Nächte habe ich neben ihr im Bett gelegen und ihr Gesicht berührt, ihre schon faltigen Wangen, ihre Nase mit der kleinen Kerbe. Besonders geliebt habe ich das kleine hellbraune Muttermal an der Oberlippe, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Ich habe sie betrachtet, wir haben uns betrachtet ... solange bis ihr Schlaf mir den Blick in ihre Augen nahm .... Nichts gesagt haben wir in diesen Momenten ... nichts ... und doch waren es die innigsten Momente unserer glücklichen Ehe. Momente die uns beide spüren ließen wie sehr wir doch füreinander gedacht waren.
Klara ist nicht mehr da. Doch eines hat sie mir dagelassen. Etwas unglaublich wertvolles, etwas dass mich ihr heute noch so sehr nah sein lässt. Es ist der Blick in ihre Auge, in Annies Augen. Annie, die immer noch vor mir auf und nieder hüpft und mir an meinem Hemd herumzerrt. „Opi, Opi, ich will da hoch, bitte!!!“
„Aber Annie, wir wollen doch den Weihnachtsbaum schmücken, hast du das schon vergessen?“, erwache ich aus meinen Gedanken. „Nein, hab ich nicht vergessen, aber das Christkind kommt doch erst heute Abend, da haben wir doch noch etwas Zeit, oder Opi? “
„Hmmm, na gut, Annie, dann komm, lass uns schauen, was du da noch alles gebrauchen kannst.“ Sie stürmt los und krabbelt in ihrem kleinen rosa geblümten Kleidchen auf allen Vieren so schnell sie kann die Stufen hoch. „Komm Opi...“
Die Tür des Speichers ist mächtig, ich drücke die schwere Klinke herunter und Annie stemmt sich unter mir mit beiden Armen fest dagegen und drückt sie auf. Dunkel ist es, die Fenster sind verhangen mit Leinensäcke, etwas Licht dringt durch die Spalten in den Dachpfannen über uns, Spinnweben überall, Staub, ein etwas muffiger Geruch, schon Ewigkeiten war niemand mehr hier. Eine von unserem Besuch in ihrem Reich überraschte Maus sucht noch schnell ihr Versteck auf.
Annie schaut mich von unten an, hat etwas Angst, klammert sich an mein Hosenbein und blickt etwas ängstlich zu mir hoch. Ein Sonnenstrahl aus dem Dachstuhl fällt hell auf ihr Gesicht, ihre Augen funkeln darin, ganz hellblau, ganz glänzend und jung, mein Gott, wie ich dieses Kind liebe ...
„Komm Annie, lass uns mal was Licht machen hier drin.“ Ich rupfe die Leinensäcke von den Fenstern weg, der Raum flutet sich mit dem Licht der Wintersonne, der Staub wirbelt in den einfallenden Strahlen, Annie steht mitten drin im Licht, hustet und blinzelt umher.
Auf großen Haken in den Klinkerwänden hängen noch Pferdesättel aus längst vergangene Zeiten. Eine Stange ragt aus der Wand. Halfter, Stricke, Pferdedecken sind darüber gelegt. Utensilien der Landarbeit, die auch nicht mehr in meine Zeit fallen, auch nicht in die meines Vaters. Mein Großvater pflügte damals noch mit dem Pferd und dem Ochsen, damals, und heute ... heute bin ich selber „der Opi“. So vergehen Generationen, so vergehen Leben, so vergeht und verändert sich die Zeit. So schreitet sie voran, diese unaufhaltsame Dimension „Zeit“
Annie hat einen alten Spiegel entdeckt. Er steht auf dem Boden, sie kniet davor. Ich hocke mich zu ihr herunter. Wir beide schauen hinein. Die Sonne streift unsere beiden Gesichter, ihres so jung und unverbraucht, meines so gelebt. Und schmerzhaft wird mir bewusst, wie vergänglich alles ist aber auch, wie gut alles war.
Annie lächelt uns an im Spiegel, dreht sich um, drückt mir einen Kuss auf die Wange und stürmt los zu ihrer Entdeckungsreise auf dem Speicher.
„Opi, was ist hier drin“ fragt sie und zeigt auf einen großen, staubigen Karton. „Ich weiß nicht, Annie. Mach doch mal auf.“ Sie klappt die großen Kartonlaschen auf, blickt hinein, greift hinein, kramt darin herum und holt etwas fußballgroßes, silbernes heraus. „Guck mal, Opi, weißt Du was das ist?“ fragt sie. Ich sehe was es ist und hunderte von Erinnerungen durchschiessen mich, werfen mich zurück, dreißig Jahre zurück. Holen mir eine Zeit zurück, an die ich schon lang nicht mehr gedacht habe.
„Ja, Annie, ich weiß, was das ist.“ Ich setze mich neben Sie auf einen Stapel alter Leinensäcke. „Das ist ein Motorradhelm. Weißt Du, als der Opi noch jünger war, da war er mit einem Motorrad unterwegs. Unterwegs auf einer langen Reise. Er ist mit dem Motorrad einmal um die ganze Welt gefahren. Zwei Jahre hat er dafür gebraucht. Zwei wichtige Jahre und sie sind auch der Grund, warum es Dich gibt, Annie.
Zeig mal her den Helm.“ Ich betrachte ihn von allen Seiten, langsam ziehe ich mir den Helm über den Kopf und ein immer noch wohlbekannter süßlicher Duft von Schweiß und Helmpolster zieht durch meine Nase. Unglaublich, was so ein Geruch ausrichtet. Erinnerungen werden plötzlich konkreter, werden Geschichten, Erlebnisse, Bilder, sind wieder da, ergreifen mich, bin ergriffen ... „Opa, was machst Du dadrin? Geht es dir gut? Du atmest so?“ „Ja, ja, Annie, mir geht es gut“ sage ich heiser.
Ich ziehe den Helm wieder ab. Annie sieht meine leicht feuchten Augen, sagt aber nichts. Ich entdecke die vielen Kratzer. Und auch die Geschichten zu den Kratzern beginnen sich aus meinem Reiseherzen nach oben zu arbeiten. Insbesondere die eine.
„Siehst Du die vielen kleinen Kratzer hier an der Hinterseite, Annie?“ Sie schaut sich die kleinen Kerben an und streicht mit ihren Kinderfingern darüber. „Ja, sehe ich, woher sind die?“ Deine Oma hat sie darein gemacht und zwar an dem Tag, an dem ich Sie zum allerersten Mal gesehen hatte.“
„Oma hat Deinen Helm kaputt gemacht?“ fragt sie entrüstet und schaut mich unglaubwürdig an. „Nun ja, so kann man es sehen“ sagte ich, musste lachen und gleichzeitig konnte ich kaum noch die Tränen zurückhalten. War doch wieder alles so präsent, so als wenn es gestern war ... war es doch der Tag an dem ich mit so großer Sicherheit und ganz plötzlich wusste, wo ich hingehöre, wo mein Platz ist. Ich, der Weltenbummler, der Rastlose, der Suchende. Alles änderte sich mit dem Tag. Nein, eigentlich änderte sich alles mit einem winzigen Augenblick.
Irgendwo glaube ich ist ein solcher Augenblick in jedem Leben verborgen und wir sollten ihn nicht verpassen, diesen Augenblick, diese Chance, diesen Moment.
Es ist vielleicht nur ein kurzer Blick in das Gesicht einer noch Unbekannten, der es in einem Bruchteil einer Sekunde warm in der Brust werden lässt, der in einem Bruchteil einer Sekunde, deine gesamte Aufmerksamkeit einfängt. Ein Moment, dessen Seltenheit und plötzliche ungewohnte Intensität Dir zuruft, „Warte! Hier ist etwas für Dich bestimmt, hier bist Du gemeint.“ Und dann, dann ist es an Dir, mutig zu sein, zu handeln, die Chance, das neue Leben zu ergreifen, den Moment, den vielleicht einzigen für Dich bestimmten Moment in Deinem Leben nicht unbeteiligt und für immer verstreichen zu lassen. Denn es ist DEIN Moment. Er ist Dir zugedacht. Schärfe Deine Sinne, um ihn zu entdecken und reserviere immer ein wenig Mut für ihn, denn Du weißt nie wann und wo er Dich ereilt. Sei bereit.
Ich war bereit damals … und mutig. Damals in Kambodscha. Ich hatte mich in Kirirom ca 120 km westlich von Phnom Penh in einem recht schönen Hotel untergebracht. Zimmer 302 bekam ich zugewiesen, das weiß ich noch genau. Am Ende des Ganges im Erdgeschoß, vorbei an den Meetingsälen war es gelegen.
Vollgepackt war ich mit Rucksack und Packtasche, Helm in der Linken Tankrucksack in der Rechten, Motorradkombi am völlig verschwitzten Körper und wollte nur noch duschen. Ich muß gestunken haben, so durch geschwitzt wie ich war. Eine Gruppe von etwa 20 westlich aussehenden Meeting-Teilnehmer hatte grade Pause und stand bei ein paar Schnittchen und O-Saft vor „Phnom Penh“, ihrem Sitzungssaal.
„Hoffentlich riechen die mich nicht“ dachte ich als ich mich ihnen näherte. Ich mußte durch sie hindurch „Entschuldigen sie, darf ich mal vorbei bitte.“ Ich schob mich durch die Gruppe, meine Handschuhe hatte ich locker in den Helm gesteckt, einer viel in dem Moment zu Boden. Ich wollte grad mein Gepäck absetzen, um ihn wieder aufzuheben, da griff eine Frauenhand nach dem Handschuh, hob ihn auf und steckte ihn mir wieder in den Helm. Ich blickte auf, um mich zu bedanken... und da, in dieser Sekunde, da war er ... der Moment, mein Moment, unser Augenblick.
Ich blickte das erste Mal in Klaras lächelnden Augen. Wir beide schauten uns an, länger als normal, wobei es sich bei diesem „länger“ vielleicht auch nur um eben diesen Bruchteil einer Sekunde länger gehandelt haben mag. Doch er reichte, reichte um auszulösen. Auszulösen, was irgendwo in mir verborgen war und nur auf genau diesen Augenblick gewartet haben muß. In dieser Sekunde habe ich so unglaublich viel wahrgenommen. Die Form ihrer Augen, ihres Mundes, die Falten an ihren lächelnden Mundwinkeln, die kleine Kerbe in der Nasenspitze, das weiß ihrer fehlerfreien Zähne. Alles hat sich blitzschnell eingebrannt in dieser kleinen Sekunde.
„Vie ... Vielen Dank ...“ brachte ich hervor und bahnte mir den Weg weiter durch die Gruppe. Auf dem Weg zu meinem Zimmer wagte ich noch einmal umzuschauen und sah, dass auch ihre Augen immer noch auf mich gerichtet waren, sich dann jedoch schnell abwandten, auf den Boden blickten.
„Was war das? Was ist da eben so ... so anders gewesen als sonst?“ ich saß auf meinem Hotelbett. War durcheinander. Irgendetwas war passiert.
Ich duschte, kalt, doch das Gefühl ließ nicht nach. Mit umgebundenen Handtuch lag ich auf dem Bett, die Klimaanlage versuchte mich weiter herunter zu kühlen. Doch es gelang ihr nur äußerlich. Innen war ich zu aufgewühlt, ja, war nervös. Ich war nervös, stellte ich fest und spürte einen schnellen Herzschlag. Unglaublich. Wie lange ist mir das nicht mehr passiert. Wie viele Frauen hatte ich kennengelernt, war gelassen und lässig, witzig und charmant, selten auf den Mund gefallen. Aber nun war ich nervös und mir war gar nicht mehr lässig. Wusste gar nicht mehr, wie man charmant sein kann, wie man eine Frau für sich lässig anspricht. Alles weg ... alles weg mit dieser einen kleinen Sekunde.
Ja, ich mußte sie wiedersehen. So sehr ich das auch wollte, so sehr fürchtete ich mich auch schon davor. Hatte ich doch soeben alle meine Fähigkeiten im Umgang mit einer Frau verloren. Sie wird bestimmt heute Abend im Hotelrestaurant sein, denn 30 km um das Hotel herum gibt es nichts anderes.
Um 1900 Uhr wagte ich mich ins Restaurant. Sie kam später und setzte sich mit einer Kollegin an den Nachbartisch. Ich traute mich nicht herüberzusehen. ICH TRAUTE MICH NICHT. Ich! Nie zuvor war mir so etwas passiert. Wie oft habe ich in solchen Situationen geflirtet was das Zeug hält. Jetzt hielt „das Zeug“ überhaupt nichts mehr. Grad jetzt, wo ich es so sehr brauchen könnte. Gelassenheit, Charme, Witz ... alles nicht da. Unbewaffnet, wehrlos, hilflos mit der Situation sitze ich hier und stochere in meinem Salat herum.
Ich wusste, würde ich jetzt versuchen, Sie anzusprechen, es würde nichts werden. Peinlich vielleicht, mehr nicht. Ich konnte meine Unsicherheit nicht verbergen. Es ging nicht. Klara hingegen war damals schon stärker. Ja, während des Essens gab es von beiden Seiten schon schüchternen Augenkontakt. Nur Augenkontakt, zu einem zusätzlichem Lächeln konnte ich mich nicht durchringen. Es ging einfach nicht. Ich kam mir vor, wie ein Teenager in seinen Anfängen. Oh Mann!
Klara und die Kollegin standen irgendwann auf. Sie hatten wohl einen anstrengenden Seminartag und wollten nicht zu spät ins Bett. Ich merkte, wie sie langsam ihre Handtasche zusammenpackte, ihre Kollegin schon mal vorgehen ließ. Jetzt ist er gefragt, der Mut, der reserviert sein sollte für genau diesen Moment. Ich schaute sie an, wollte etwas sagen, hatte wahrscheinlich auch schon den Mund geöffnet ... doch nichts kam, wusste einfach nicht was ich sagen, fragen, tun sollte.
Klara spürte das. Sie trat an meinen Tisch. Blickte mich an, lächelte und sagte einfach nur mit unglaublich warmer Stimme „Ja?“. Ich schluckte, rieb mir mit meiner Hand einmal durch das Gesicht, suchte nach Besinnung, Klarheit, wollte raus aus diesem rosa Nebel. Welch Katastrophe!
„Ha ... hats geschmeckt?“ versuchte ich mich zu äußern. Ich sagte wirklich nur „Hats geschmeckt?“ Was für ein Schwachsinn. Mir fiel einfach nichts ein außer „Hats geschmeckt?“
Klara lachte, lachte laut. Sie erkannte die Situation, schon längst hatte sie verstanden. Nahm einfach einen Stuhl und setzte sich zu mir an den Tisch. Genau gegenüber. Strahlte und schaute mir mit ihren lachenden, blauen Augen ins Gesicht. Sie legte ihre Hände auf meine, die ich schweißnass auf dem Tischtuch ausgebreitet hatte. „Ich bin Klara ... und ja, es hat geschmeckt, und Du? Wer bist Du?“
Das Eis war gebrochen. Das war er, unser Anfang. Der Anfang einer wunderbaren Liebe. Kambodscha war das drittletzte Land auf meiner Weltreise. Über 50 Länder in Nord-Mittel- Südamerika, in Afrika, Südeuropa, Arabien und Asien hatte ich schon mit dem Motorrad durchfahren und hier, so kurz vor dem Ende dieses für mich größten und schönsten Abenteuer meines Lebens, so kurz vor dem Ende wartet nun auch die Liebe meines Lebens auf mich. Vielleicht musste ich wirklich so weit fahren, so viele „Abenteuer“ bestehen, mich austoben, Mann werden um jetzt bereit zu sein für „eine Klara“.
Klara arbeitete für eine Entwicklungshilfe Gesellschaft in Kambodscha. Auch für sie war die Zeit hier bald zu Ende und es sollte zurück nach Deutschland gehen. Die nächsten Wochen hatte sie Urlaub und wollte noch weitere Länder Südostasiens sehen.
Auch das taten wir schon gemeinsam. Eigentlich haben wir uns nach Kirirom nie wieder getrennt, weder äußerlich, noch innerlich. Nie wieder für die nächsten 29 Jahre. Ihr Seminar war zu Ende. Am nächsten Tag fuhren wir los, gemeinsam auf dem Motorrad, um über Laos nach Nordthailand und dann nach Bangkok zu fahren, wo meinen Reise und ihr Auslandsaufenthalt gleichzeitig das Ende fanden.
Sie besorgte sich einen Helm für die Reise, ich weiß gar nicht mehr wo sie ihn so plötzlich aufgetrieben hatte. Naja, sie war immer gut im Organisieren. Wir fuhren los in Richtung Laos. Sie hatte noch nie zuvor auf einem Motorrad gesessen und so bedurfte es einer kleinen Eingewöhnung.
Sie saß dicht hinter mir. Die Arme fest um meinen Bauch gelegt, dicht an mich herangerückt, die Knie an mein Becken gepresst, so eng bei mir saß sie dort. Vielleicht weil sie ein wenig Angst vor dem Motorradfahren hatte, vielleicht aber auch, weil wir es so wollten.
Wir waren eng beieinander und immer dann, wenn ich das Gas leicht wegnahm, einen Gang herunterschaltete oder gar vorsichtig bremste, dann nickte ihr Kopf leicht nach vorn und stupste mit dem zumeist offenen Visier hinten gegen meinen Helm und beschädigte den Lack...
„Und jetzt, meine liebe Annie, weißt Du auch, woher diese kleinen vielen Kratzer hier am Helm kommen...“ lächelte ich und blickte, erwacht aus meiner Vergangenheit, in Annies Gesicht, die die ganze Zeit mucksmäuschenstill war und gebannt der Geschichte ihres Opis gelauscht hatte.
„... und weißt Du was, Annie? Erinnerst Du Dich daran, was die Omi früher ab und zu gemacht hat?“ „Nein, was meinst Du?“ flüsterte Annie mit leiser, trockener Stimme und immer noch gefangen in der Geschichte.
„ Weißt du noch, in manchen Momenten ist Omi hinter mich getreten, hat meinen Bauch von hinten umarmt und ihre Stirn leicht gegen meinen Hinterkopf gestupst ... erinnerst du dich? Deine Eltern haben doch immer gefragt, was das soll. Wir haben es Ihnen nie erklärt. Das war immer Klaras und mein Geheimnis. Und jetzt, jetzt kennst Du es auch … und nur Du. Weißt Du, in diesen Momenten waren Deine Omi und ich immer besonders glücklich und wir haben uns damit immer an unseren ersten gemeinsamen Tag erinnert, den vor über 30 Jahren, der uns beiden immer noch so unendlich präsent ist. Der Tag an dem uns unser Moment beschert wurde. Den Moment, den wir beide nicht haben vorbeigehen lassen.“
„Opi, das ist eine schöne Geschichte!“ sagte Annie leise und kuschelte sich an meine Seite. Ich legte meine Hand auf ihre Wange und hielt ihren Kopf fest an meine Brust gedrückt. „Ja, Annie, das war eine schöne Geschichte und ... das war ein schönes Leben.“ Wir saßen noch länger so da, meine Annie und ich und sagten nichts.
Ein schöner Moment. Annie löste sich nach einiger Zeit aus meinem Arm, kramte noch ein wenig umher, zog meine alten, übergroßen Motorradhandschuhe über, wickelte sich eine Schal um den Hals, den Klara und ich damals in Luang Prabang, in Laos zusammen noch gekauft hatten, schlüpfte in meine alten Motorradstiefel, die ihr natürlich viel zu groß waren und stapfte derart verkleidet über den Speicher, solange, bis wir beide nicht mehr an uns halten konnten und so richtig laut lachen mussten.
Dann hörte ich Maries Stimme. Meine Tochter. Sie rief die Treppe hinauf „Hee, ihr beiden, seid ihr da oben?“ Annie lief zur Tür „Ja, wir sind hier, Mama, ich komme runter.“ Annie stiefelte die Treppe in den Riesenschuhen vorsichtig herunter und rief dabei hoch zu mir „Komm Opi, Mama ruft, Du mußt doch gleich zu Deiner Chemo ...“
Langsam erhob ich mich von meinen Leinensäcken, klopfte den Staub von meiner Hose ab und rief zurück „Ja, Annie, ich komme“ und leise wiederholte ich, ganz leise und nur für uns … „Ja, Klärchen, ich komme, frohe Weihnacht, meine große Liebe“ Und langsam stieg ich die braune Speichertreppe mit einem glücklichen Lächeln auf meinem alten Gesicht wieder hinab in mein jetziges Leben.
