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EmotionalsDie Blumenfrau

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Bevor ich damals Tiflis, die Hauptstadt von Georgien erreichte, macht ich Station in Batumi. Eine Stadt mit 120.000 Einwohnern am Fuße des Kaukasus. Diese Stadt ist keine Touristenattraktion, nein wahrlich nicht. Eine Stadt in der ich übernachtete, da mir die Dunkelheit den Weg zu dem ursprünglichen Tagesziel abgeschnitten hatte.

Das war gut so, denn sonst wäre ich IHR nicht begegnet. Sonst hätte mich ihre Herzlichkeit und ihr Menschliches an diesem Tag nicht so sehr wieder geerdet. Geerdet von dem kleinen Höhenflug zu dem ich grade aufgestiegen war. Gut habe ich mich gefühlt, toll kam ich mir vor, hatten ich doch grade heute einen unglaublich langen und anstrengenden Ritt durch das Kaukasus Gebirge gemeistert. 300 km Off-Road, Benzinmangel, Polizeieskorten... all das hatte ich hinter mir ... und ich war nun stolz ... so stolz das alles gemeistert zu haben. Von Traurigkeit und Nachdenklichkeit keine Spur. Im Gegenteil, der König war ich auf meiner BMW, fühlte mich gut, so randvoll mit dem Stolz auf meinen Mut, diesen Weg gemeistert zu haben .... ja, und dann... dann lief sie mir über den Weg.

„Sie“ ist keine Berühmtheit, sicher nicht, „Sie“ ist kein Mensch, der auffällt, nein, niemand dem ich mich zugewandt hätte ... ja, „Sie“ ist ein Mensch, mit einer so anderen inneren und äußeren Geschichte als ich ... und doch... oder grade deshalb hat sie etwas mit mir gemacht. In diesen vielleicht fünf Minuten, die wir zusammenstanden hat sie mich im Innersten berührt und ist einfach weitergegangen, so als wäre nichts passiert. Ich glaube nicht, das sie gespürt hat, was sie mit mir tat, nein sicher nicht... dazu war sie zu sehr in sich und ihrer Welt.

Gerade eben war ich in die Stadt eingefahren. Wie so oft, wenn ich in eine neue Stadt hinein komme, halte ich erst einmal an einer Stelle, um die Atmosphäre, den Herzschlag dieser Stadt zu spüren. Dunkel war es. Die Strasse nur schwach beleuchtet mit gelborangenem Licht der wenigen noch funktionierenden Strassenlaternen. Die hohen Bürgersteige oft kaputt, die mächtigen, losen Steinplatten liegen schräg oder fehlen ganz. Darauf sehe ich einige alte Menschen. Die Schritte langsam, die Haltung gebeugt, die Gesichter geprägt von dem, was diesem Land und ihnen passiert ist ... so zogen sie an mir vorbei, die Menschen von Batumi, während ich aufrecht und immer noch stolz auf das geleistete in edler BMW Montur bei meinem Motorrad stand und mich umschaute ...

Eine von diesen Menschen von Batumi war „Sie“. Ich schätze sie auf siebzig Jahre und älter, obwohl das bei den schon verlebten und vom zähem Leben gefalteten Gesichtern kaum richtig einzuschätzen ist. Vielleicht war sie auch etwas jünger, aber das tut nicht zur Sache...

Gebückt läuft sie in ihrer zerrissenen, dunkelvioletten Strickjacke. Ein langer schwarzer Rock aus dickem Filz hält ihre Beine warm. Dunkelblau und schon oft gestopft ist die Strumpfhose, die sie darunter trägt und die in Ihren alten und schon löchrigen braunen Lederschuhen endet.

So kommt sie mir entgegen in dem gedämpften Licht der Laternen ... Sie sieht mich nicht, ihr Blick ist leer auf den Bürgersteig vor ihr gesenkt, ihre Schritte sind langsam, wirken mühsam, etwas gequält. In ihren beiden Händen vor sich hält sie nichts als ein paar kleine Blumensträusse. Nichts besonderes eigentlich. Blumen, die sie von der Wiese gepflückt und zu kleinen Strausschen gebunden hat. Gänseblümchen und ein wenig Wiesenschaumkraut kann ich erkennen. Sie muss den Tag damit verbracht haben, einen Teil davon auf dem Markt oder auf der Strasse zu verkaufen.

Dann bleibt sie stehen vor mir. Ihr Kopf hebt sich, sie schaut auf das Motorrad, sie schaut mich an. Traurig erscheinen mir ihre Augen doch als sie mich erblickt glaubte ich einen Hauch von Verwunderung, vielleicht sogar von Erschrecken darin zu erkennen.

Sie beginnt zu reden. Georgisch. Ich verstehe nur wenige Worte, doch das scheint ihr nicht wichtig zu sein. Sie möchte jetzt reden, und tut es. Langsam und leise verlassen die Worte ihre trockenen, aufgesprungenen Lippen. Meine geringen Kenntnisse der Landessprache und die Gesten, die ihre Worte begleiten, reichen aus, um in etwa zu verstehen, was sie mir erzählt.

Sie spricht von ihrem Mann. Er muss Soldat gewesen sein und schon vor langer Zeit ist er gefallen. Sie spricht davon, wie nach seinem Tod alles anders, alles schlimmer geworden ist. Sie spricht davon, wie wenig Geld sie hat und was noch viel schlimmer ist ... wie unendlich sie ihn auch heute noch vermisst, wie sehr er doch ihr Leben war. Ihr Blick ruht leer auf meiner Brust ... Dann schweigt sie. Lange ... sagt nichts ... ich sage nichts, ... dann langsam gleitet ihr Blick nach oben, bis er den meinen trifft.

Jetzt erst sehe ich, wie ihre traurigen, trüben Augen sich mit Tränen füllen. Nichts sagt sie, ihre Augen laufen über, ihre Seele läuft über, wie wahrscheinlich schon so unendlich oft ... und eine Träne macht sich auf den Weg über ihre fleckige alte Haut... und dabei lächelt sie leise, ein verbittertes Lächeln, eines, das sich in mein Gedächtnis festsetzt, eines, dass ich heute noch genauso vor mir sehe ... Sie sagt nichts, schaut mich nur an... eine zweite und ein dritte Träne rollen über ihre Wange ... sie steht einfach nur da... ich stehe einfach nur da... wir schauen uns an. Diese alte Frau ... sie lächelt mich weinend an ... was für ein reiner Moment vollen Menschseins. Ein Moment voller Liebe, Leid und Erinnerung.

Dieser Moment, er zeigt mir, das Gefühle kein Alter besitzen, nicht so wie ein Körper, der mit der Zeit seine Intensität und Funktion mehr und mehr verliert. Mit den Jahren büssen Gefühle nichts an ihrer Lebendigkeit ein. Ihre Intensität altert nicht, sie bleibt und schüttelt einen alten Körper mit Freude und Trauer genauso, wie einen Jungen. Wie schön zu erkennen, das eine Seele nicht nachlässt, nicht mit dem Alterungsprozess des Körpers einhergeht. Sich nicht um das Alter schert, sondern sich immer jung und alterslos mit dem beschäftigt, was das Leben ausmacht und die innere Welt kraftvoll beseelt hält. Ja, vielleicht ist dieser Gedanke auch ein kleiner Hinweis auf die Unsterblichkeit der Seele? Vielleicht.

Sie erwacht aus ihrer Stille ... greift zu den Blumen, nimmt eines von den Sträusschen und reicht es mir mit leicht zitternder Hand. Als ich meinen Arm langsam ausstrecke, um die Blumen zu nehmen, ergreift sie meine Hand, umschliesst sie mit ihren Händen und beugt sich langsam nach vorn. Ihre Lippen berühren kurz meine Finger. Dann blickt sie zu mir auf, lächelt ... lächelt und gleichzeitig weint sie eine grosse Träne. „Sergje“ sagt sie ... nur „Sergje“ ... ganz leise und ich glaubte sie dabei gar ein wenig kichern zu hören. Nie zuvor habe ich soviel Sanftmut und Liebe in den Augen einer alten Frau gesehen, wie in diesem kurzen Moment. „Sergje“ ... ja, das war der Name ihres Mannes, des so früh gefallenen Soldaten ...

Dann lässt sie mich langsam und mit immer noch zitternden Händen los, streicht mir noch einmal kurz mit ihren Fingern über die Wange und geht an mir vorbei ... langsam drehe ich mich um, mein Blick folgt ihr stumm und ich sehe sie langsam den holprigen Bürgersteig entlanglaufen bis ihr gebückter Körper in der Ferne unter dem seichten, orangenen Licht der Laterne in einer Seitengasse entschwindet.


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