Ich habe das fuer mich atemberaubendste Gebaeude dieser Reise besichtigt. Das Taj Mahal in Indien, in Agra. Doch davon will ich nicht erzahlen, sondern von meinem Rueckweg. Der Rueckweg von Agra nach Delhi, den ich mit dem Zug genommen habe. Ich lief zurueck zum Bahnhof von Agra.
Noch zwei Kilometer sind es bis dorthin. Es ist schon dunkel, ich frage nach dem Weg und die Inder schicken mich durch eine lange, unbeleuchtete Strasse. So ganz wohl ist mir nicht dabei, dennoch ... ich laufe los. Wenig Verkehr ist auf der Strasse, ein paar aermlich aussehende Fussgaenger kommen mir entgegen. Ich laufe zuegig, will schnell in der beleuchteten Bahnhofshalle sein, gibt mir das Gefuehl von mehr Sicherheit. Ein paar hundert Meter weiter sehe ich ein Feuer am Strassenrand. Bestimmt wird hier einer von den vielen Muellhaufen verbrannt. Als ich mich naehere stinkt es erbaermlich. Doch es riecht nicht so als wenn Plastik, Papier und anderer Muell verbrannt wird, es riecht anders, irgendwie. Nun stehe ich neben dem Feuer, bleibe kurz stehen und blicke hinein in die Flammen, um zu sehen, woran sie zuengeln. Erst sehe ich ein paar Holzscheite, doch keinen Muell, dann etwas, das aussieht wie eine Knochenhand, dann den Arm dazu... Nein, nicht doch. Hier verbrennt ein Mensch. Oh Gott, das Bild fuegt sich. Ich sehe den Koerper, den Kopf, die Augenhoehlen, den Kiefer. Mir wird anders. Ich blicke mich um. Blicke hinein in die dunkle Strasse, sehe Gestalten darin laufen, blicke wieder in das Feuer, auf den Schaedel, will weg hier. Ich haste weiter die Strasse entlang. In der Ferne eine grosse Leuchtreklame. Ich hoffe, das ist der Bahnhof. Zehn Minuten spaeter bin ich da.
Spaeter erfahre ich, dass solche Leichenverbrennungen in den Strassen keine Seltenheit sind. Die Menschen sterben dort in der Gosse. Kennen niemanden und niemand kennt sie. Um sich vor noch mehr Gestank und Krankheiten zu schuetzen, seien es oft die Anwohner, die Holzscheite oder brennbaren Muell unter die Leiche schieben und es anzuenden. Welch ehrloses Ende manche Leben hier finden. Von niemanden gekannt, von niemanden vermisst, von niemanden begleitet auf den letzten Metern. Uebrig lassen sie nur einen Koerper, dessen Wunden, Narben, Falten von einem Leben erzaehlen, das niemanden interessiert. Meine Gedanken wandern ... Gibt es wirklich Leben, die niemanden interessieren, die nichts bewirkt haben? Vielleicht fuer uns, doch sicher nicht fuer Gott ... ist meine schnelle Antwort, will ich mich doch im Moment nicht weiter darin vertiefen.
Es war schon spaet, doch der Tag war noch nicht zu ende und hielt noch mehr fuer mich bereit. Eine halbe Stunde vor Abfahrt kam ich am Bahnhof in Agra an. Das der Zug Verspaetung haben wuerde, damit hatte ich gerechnet. Nicht jedoch damit, das es gleich fuenf Stunden Verspaetung sein wuerden. Nun gut. Ich verbrachte diese Zeit auf dem Bahnsteig, da die Verspaetungen immer stuendlich nach hinten korrigiert wurden und ich so nicht das Gelaende verlassen wollte.
Der Bahnsteig war mehr oder weniger sauber. Es war der Bahnsteig fuer die Touristen, die tausendfach jeden Tag an dieser Stelle Agra betraten, um das Taj Mahal zu sehen. Die Bahnhofskinder wissen das natuerlich und betteln hier auf dem Bahnsteig.
Muede bin ich und traurig werde ich als ich die Kinder auf dem Bahnsteig sehe. Nicht aelter als acht moegen sie vielleicht sein, die drei Maedchen und zwei Jungs, die hier mit mir auf dem Bahnsteig sind. Jeder neue Tourist wird angesprochen. Einige, wie ich auch, kaufen ihnen etwas am Kiosk. Brot, Kekse oder eine Dose Kola. Als ich ihnen beim Betteln zuschaue sehe ich wie ausgemergelt sie sind. Duenn und schlabbrig haengen ihre verdreckten und loechrigen Kleidchen oder Hosen an ihnen herab. Schuhe gibt es keine. Ihre kleinen und jungen Kinderbeine tippeln schnell und barfuessig auf dem schmutzigen Beton des Bahnsteigs, rennen von einem Touristen zum naechsten, bremsen, stellen sich ihnen in den Weg, sie strecken ihre Haende mit den Handflaechen nach oben den Reisenden entgegen, betteln. Ihre Haare sehen wuest aus und sind sicher schon ewig nicht mehr gewaschen worden. Verfilzt stehen die Haarstraehnen von ihren Koepfen, darunter die oft von Krusten oder Schmutz ueberzogene Haut ihrer jungen unverbrauchten Kindergesichter, die doch so wenig hier erleben, was das Kindsein ausmacht.
Es ist bald 23.00 Uhr auf diesem Bahnsteig. Laengst schon Schlafenszeit fuer die Kinder, denke ich. Ihre kleinen Koerper sehen auch muede aus. Wo wohl ihr zuhause ist? Wo sie heute Nacht wohl schlafen werden? Ich wuensche mir, dass irgendwo jemand auf sie wartet und sie dort ein gutes Nachtlager finden. Wann machen sie hier wohl „Feierabend“?
Um halb zwoelf machen sie Feierabend, lerne ich in dieser Nacht bitter. Ein wohl fuenf jaehriges Maedchen in einem kleinen gebluemten und verdrecktem Kleid geht zu einem Muelleimer und zieht dort ein Blatt einer grossen Zeitung heraus. Sie breitet es aus, ungefaehr zwei Meter vor mir, vor der Bank auf der ich sitze. Sie geht auf die Knie legt sich auf das Blatt und rollt sich zusammen... Was? Hier? Das ist es? Ist das dein Nachtlager, meine Kleine? Komm, sag das das nicht so ist. Du willst doch hier nicht die Nacht verbringen, mitten auf dem Bahnsteig?
Ein weiteres Maedchen kommt, vielleicht mag sie schon sieben Jahre sein. Sie kniet sich nieder zu ihrer Freundin und kuschelt sich in Loeffelchenhaltung an sie heran, umarmt sie von hinten, waermt sie ein wenig, denn mittlerweile ist es kalt hier geworden. So schlaft ihr hier? Auf einem Blatt Zeitung auf dem Betonboden des Bahnsteigs? „Ja, so ist es“, stelle ich traurig fest.
Etwas spaeter rollt mein Zug in den Bahnhof. Langsam und nachdenklich steige ich ein. Stelle mich ans Fenster und sehe, wie ein kleiner Junge kommt, zum Muelleimer geht und noch ein Blatt Zeitung herauszieht. Er geht zu den beiden Maedchen und deckt sie zu, mit diesem Zeitungsblatt. Sie ruehren sich nicht, schlafen vielleicht schon.
Der Zug rollt an, ich blicke zurueck, sehe sie dort immer noch liegen. Bevor sie aus meiner Sicht entschwinden, sehe ich noch, wie der Fahrtwind des anfahrenden Zuges ihnen das Zeitungspapier von ihren kleinen, frierenden Koerpern weht.
Wie sehr wuenschte ich mir in diesem Augenblick eine gerechtere Welt, wie sehr.
Kinder haben es mir auf dieser Reise angetan. Nicht nur in Agra, ueberall in den Strassen des Armenhauses unserer Welt wachsen Kinder unter den unwuerdigsten Bedingungen auf. Ob in Guatemala oder Bolivien, Pakistan oder Iran, Tanzania oder Indien ... wo auch immer ich sie sehe, sie lassen in mir den Wunsch brennen etwas dafuer zu tun, das es ihnen besser geht. Und sobald dieser Wunsch in mir hochkommt, bringt er das Gefuehl der Ohnmacht mit. Die Aufgabe der Ohnmacht schein es zu sein, mich an meine voellige Hilflosigkeit angesichts dieses uebergrossen Elends zu erinnern.
Du laeufst durch diese Strasse in Guatemala City. So viele Kinder sitzen an den Strassenraendern, spielen im Muell, betteln dich aus dem Muell heraus an. Schlafen dort nachts, haben kein Zuhause, haben keine Eltern. Zusammengerollt wie herrenlose Pakete liegen sie dort drin ... in dem Dreck. Spielen, Schlafen, Sterben.
Auf sechs oder sieben Jahre schaetze ich die beiden kleinen Maedchen, die vor mir inmitten eines Muellhaufens von Milchtueten, Konservendosen, Plastikbechern, Bananenschalen und Schmutz sitzen. Voellig verdreckt sind ihre Kleider, ihre Gesichter, ihre Haut, ihre Haare. Aufgekratzt sind ihre Arme, Ekzeme oder einfach nur Laeuse haben sie schon laengst befallen. Ich bleibe stehen vor ihnen in meinem Motorradanzug und schaue in ihre Gesichter. Ihre grossen braunen Augen sind auf mich gerichtet. Sie leuchten. Ja, aus diesem ganzen elenden Dreck leuchten mir diese braunen Augen entgegen. Welch ein Kontrast. Alles ist so unendlich verkommen und verdreckt, doch die Klarheit und das Funkeln ihrer Augen zeigt mir, dass innen drin, kleine, wertvolle Seelen leuchten. Seelen, die nicht verschmutzt sind, die sauber sind, die unschuldig sind, die nur gefangen sind in dieser Huelle aus Dreck. Und sich dennoch, wie jede andere kleine Seele nach Anerkennung, Waerme und Liebe sehnt. Doch wo nur soll das herkommen hier in dieser Strasse? Wo ist sie, die Liebe und die Waerme, die doch so unabdingbar zu einem Kindersein dazugehoert?
„Was macht ihr hier?“ frage ich fuer mich. „Was macht ihr nur hier? Gehoert ihr nicht an einen Platz, der Euch Kind sein laesst? Was macht nur die Welt mit Euch?“
Wie gern wuerde ich ihnen die Chance auf ein wuerdigeres Leben bieten. Wie gern. Ja, vielleicht koennte ich es bei diesen beiden Maedchen hier vor mir tatsaechlich. Doch dann... dann schaue ich die kalte Strasse entlang. Ich blende den wenigen Verkehr und die Erwachsenen darin einfach aus, sehe nur die verschmutzten Kinder hunderte von Metern rechts und links am Strassenrand von Muell umgeben sitzen. Alle blicken sie mich an. Farblos wird alles um sie herum, nur das glitzerne Leuchten ihrer Augen, das hungrige Feuer ihrer vernachlaessigten Seelen sehe ich darin. Fragend und erwartungsvoll sind ihre funkelnden braunen Seelenfenster auf mich gerichtet. Ich stehe Mitten auf der Strasse in meinem Motorradanzug, und kann doch so gar nichts machen. Es sind zu viele. „Ihr seid zu viele“, bin ich versucht zu rufen... „Ihr seid einfach zu viele.“ Ich hebe traurig meine Arme und lasse sie hilflos in die haengenden Schultern hinabsinken. Was fuer ein Alptraum. Auch wenn ich alle meine gesammelten Spendengelder nur in diese Strasse investieren wuerde. Niemand wuerde einen Unterschied zu vorher erkennen. Ohnmacht befaellt!
Doch ich glaube hier in diesen Strassen lerne ich grade meine Lektion. Und ich habe die Hoffnung, dass diese Lektion mich von meinem Ohnmachtsgefuehl befreien wird.
Ich lerne: Ich darf nicht nur in das schmutzige Fass ohne Boden hineinschauen, in dem alle Bemuehungen sofort versinken. Ich darf nicht so global bleiben, darf nicht in der Strasse stehen bleiben und sie entsetzt in ihrem ganzen Elend betrachten. Nein, ich muss mich hinunter begeben zu den Maedchen, zu den Menschen, mich erinnern an die Hoffnung und an die kleinen Freuden, die ich ihnen hier auf dieser Ebene geben kann. Ich muss Abschied nehmen von der beraterhaften Macher-Attituede, alle Probleme loesen zu koennen. Ich muss meine Perspektive veraendern, sie fokussieren auf das Moegliche, auf das Menschliche. Auf Augenhoehe von Mensch zu Mensch muss ich sein und nicht dort wo mich der Ueberblick ueber das Elend ohnmaechtig werden laesst. Ich muss mich zu den Maedchen herunter beugen, mich auf ihre Hoehe begeben, muss bei den Menschen selber sein.
Ja, ... immer dann wenn ich mich hinunter beuge, wenn ich mich den Menschen direkt zuwende, dann spuere ich ... auf dieser Ebene und nur auf dieser Ebene, ist etwas moeglich... Nein, es ist auf dieser Ebene ALLES moeglich!
