Wisst Ihr, was ein „Buff” ist? Nicht...? Nun, das ist sicher keine Schande ... auch ich habe das auf dieser Reise erst gelernt, dabei hatte ich von Beginn an ein „Buff“ dabei und wollte auch nie darauf verzichten.
Also ein „Buff“ ... das ist einfach nur ein schlauchfoermig geschnittenes Halstuch, dass man sich vor Fahrtantritt ueber den Kopf zieht und so den Hals schuetzt. Eine feine Sache. Der Fahrtwind kann es nicht fortwehen, wie es oft bei Schals passiert und gleichzeitig schuetzt das Buff vor jenem Wind und auch ein wenig vor Steinschlag und Insekten. Also ... alles in allem wirklich etwas, auf das der Motorradfahrer nicht verzichten mag.
Doch in Mexiko war es soweit ... irgendwo habe ich es liegen gelassen ... irgendwo, doch ich kann mich nicht erinnern wo ... einfach weg. Nun ja, dann besorg ich mir halt ein Neues ... doch so einfach war es nicht. Einen halben Tag lang habe ich saemtliche Geschaefte in Guanajuato im Sueden Mexikos durchsucht. Supermarkt – Fehlanzeige, Sportgeschaeft – Fehlanzeige, Outdoor Shop, Bekleidungshaeuser, Ramschlaeden, Souveniershops...alles Fehlanzeige.
Und nu? Wenn ich es in dieser Stadt nicht bekomme, dann wohl auch nicht in anderen.... es muss irgendein Ersatz gefunden werden... doch was nur? Pause.. ich genehmige mir einen voellig ueberteuerten Cafe am Theatro Juarez am Central Plaza ... und als ich dort sass, sah ich eine junge Familie ... Mutter, Vater und eine kleine Tochter an mir vorbeiflanieren ... und als ich das kleine Maedel sah ... ja, da kam mir die Loesung. Vielleicht etwas gewagt ... doch es koennte funktionieren.
Ich trank aus, bezahlte und machte mich auf die Suche nach dem Geschaeft, das ich jetzt brauche. Einen Babyausstatter. Ja, irgendwo hatte ich auch so einen hier schon gesehen ... und ein paar Minuten spaeter stand ich vor „NinosWorld“. Ein Supermarkt fuer alles, was werdende und seiende Vaeter und Muetter sich fuer ihre Kleinen nur vorstellen koennen. ... ja, und manchmal eben auch fuer Motorradfahrer. Mal sehen ob sie was Passendes fuer mich haben.
Meine Frage nach einem Buff hatte der etwas ruendliche Verkaeufer erwartungsgemaess mit Kopfschuetteln beantwortet und er wuesste auch nicht, wo es so etwas gaebe. Also gut ... dann gehts wohl nicht anders und ich gehe noch etwas zoegerlich eine Etage hoeher in die Abteilung fuer Maedchenbekleidung... Mal schauen ... Strickjaeckchen, Blusen, Unterhemdchen, Soeckchen ... Ah ja, dort drueben neben dem Fahrstuhl... dort sind sie ja ... die kleinen Maedchen-Roecke.
Die meisten in rosa mit Bluemchen oder kleinen Aeffchen darauf ... nun ja, nicht grad uebliche Motive fuer Motorradfahrer ... aber gut ... ja und welche Groesse brauch ich denn nun? Die „2-4 Jahre“ oder ehr „5-6 Jahre“... bin mir nicht sicher. Ich wuehle in den verschiedenen Regalen herum, betrachte mir die Roecke, pruefe, wie stark der Gummizug im Bund ist ... nicht das er mich zu stark am Hals wuergt, nicht wahr ...? Ich schaue hinein, ob auch keine Innenhose darin ist, die das Ueberstreifen erschwert ... Doch, so recht kann ich mich nicht entscheiden. Ich muss sie einfach vor dem Kauf mal anprobieren. Bestimmt schon 10 Minuten krame ich bei der Maedchenunterbekleidung herum. Hinten in der Ecke stehen zwei Verkauferinnen, schauen zu mir herueber, tuscheln ein wenig, fragen sich wohl, was genau ich da suche und pruefe... nicht wirklich angenehm dieser Einkauf, das muss ich wohl zugeben.
Also, ich muss die Groesse herausfinden, muss ihn mir mal ueberziehen den Maedchenrock.
Moeglichkeit EINS: Ich nehme mir drei Rockchen und verschwinde damit unter staendiger Beobachtung der Verkaeuferinnen in eine der Umkleidekabinen. Dies Variante wuerde zweifelsohne die Phantasie der beiden Damen noch viel weiter befluegeln und deren Grinsen bei meinem Heraustreten aus der Kabine in Unermessliche steigen lassen. Vielleicht ist ihr Humor nicht sonderlich ausgepraegt und sie informieren die Sittenpolizei. Diese wird vermutlich in dem Moment den Kabinenvorhang beiseite ziehen, wenn ich grad mit dem Gesicht mitten im Roeckchen stecke. Mir wuerde es glaub ich schwer fallen diese Situation auf spanisch zu erklaeren.
Alternative ZWEI: Ich bleibe bei den Regalen und ziehe ihn mir da kurz ueber. Ja, das erscheint mir sinnvoller, so kann ich auch sehen, ob ich tatsaechlich Aufmerksamkeit errege. Ich entscheide mich fuer ein hellblaues Modell mit zartrosa Bluemchenmuster ... schaue mich noch mal kurz um ... und schwupps ... bin ich drin. Ein wenig wuergt er am Hals ... „vielleicht ist 5-6 Jahre doch besser“ denke ich noch, als ich in die entsetzten Gesichter der beiden Verkaeuferinnen blicke. Nein, nein, jetzt nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Du bist so kurz vor der Loesung, ausserdem tust du nichts Verbotenes, nur etwas ehr ... Seltsames.
Ah, da ist er ... das gleiche Modell fuer 5-7 Jahre ... ja, der passt besser... Wuerde mich eine deutsche Verkauferin jetzt beraten, haette sie wahrscheinlich gesagt ... „Ja, wichtig ist, das SIE sich wohl darin fuehlen...“ ja, und das tue ich und ich entscheide mich erleichtert fuer dieses Produkt. Als ich meinen Kopf wieder aus dem Roeckchen ziehe, sehe ich, wie eine der beiden Verkaeuferinnen etwas erregt mit einem maennlichen Kollegen spricht und deutlich auf mich zeigt. Nun ja, kann ich verstehen. Wahrscheinlich habe ich soeben eine ethische Grenze der mexikanischen Verhaltenskultur ueberschritten und habe gleich mit den Konsequenzen zu leben.
Angriff ist die beste Verteidigung, sage ich mir und laufe mit dem Rock in der Hand auf die drei zu. Ich versuchs: „Do you speak english?“ „No, sir“, No“, „Nada“ sind die Antworten. Na toll, dann erklaer ich es halt in spanisch, schliesslich bin ich ja schon seit 3 Tagen in der Sprachschule und kann schon sagen wie ich heisse und woher ich komme. Wie ich allerdings dieses Verhalten im Zusammenhang mit dem Roeckchen erklaeren kann, ... das werden wir wahrscheinlich erst in der naechsten Woche durchnehmen.
Also mit Haenden und Fuessen erklaere ich, dass ich Motorradfahrer bin, deute auf meinen Helm, auf meinen Hals ... immitiere Windgeraeusche und signalisiere, dass ich zum Fahren so etwas wie einen Schal benoetige. Stelle dar, wie ein Schal vom Wind fortgerissen wird, zeige phantomimisch auf, wie dieses bei dem Roeckchen nicht passieren koenne und schliesse meine kleine Theatervorstellung mit dem Fazit, das dieser Rock nun genau das Richtige ist fuer mich ist und ich dieses Modell nun gern erwerben und zur Kasse gehen moechte.
Sichtlich beeindruckt von der Geschichte und von meinen Spanischkenntnissen begleitet mich der Herr wortlos zu den Ausgaengen, dort, wo die Kassen sind. Ich zahle, und er bleibt in meiner Naehe. Erst als ich das Haus verlasse nickt er kurz und laesst seinen unglaeubigen Blick von mir ab und ich sehe ihn kopfschuettelnd wieder die Treppen zur ersten Etage hinaufsteigen.
Soviel zum Erwerb meines neuen Buffs. Einen Bericht ueber die Kommentare anderer Motorradfahrer zu meiner Rock-Loesung moechte ich Euch allerdings ersparen...
Fotos:
The Rock und Aufnahmen aus Guanajuato, Mexiko
