... Fortsetzung der Weihnachtserzaehlung
Ich blickte das erste mal in Klaras laechelnden Augen. Wir beide schauten uns an, laenger als normal ... wobei es sich bei diesem „laenger“ vielleicht auch nur um einen Bruchteil einer Sekunde laenger gehandelt haben mag. Doch er reichte ... reichte um auszuloesen ... auszuloesen, was irgendwo in mir verborgen war und nur auf genau diesen Augenblick gewartet haben muss. In dieser Sekunde habe ich so unglaublich viel wahrgenommen. Die Form ihrer Augen, ihres Mundes, die Falten an ihren laechelnden Mundwinkeln, die kleine Kerbe in der Nasenspitze, das weiss ihrer fehlerfreien Zaehne, ... alles hat sich blitzschnell eingebrannt in dieser kleinen Sekunde.
„Vie ... Vielen Dank ...“ brachte ich hervor und bahnte mir den Weg weiter durch die Gruppe. Auf dem Weg zu meinem Zimmer wagte ich noch einmal umzuschauen und sah, dass auch ihre Augen immer noch auf mich gerichtet waren, sich dann jedoch schnell abwandten, auf den Boden blickten...
„Was war das? Was ist da eben so ... so anders gewesen als sonst?“ ich sass auf meinem Hotelbett. War durcheinander. Irgendetwas war passiert.
Ich ging duschen, kalt, doch das Gefuehl liess nicht nach. Mit umgebundenen Handtuch lag ich auf dem Bett, die Klimaanlage versuchte mich weiter herunterzukuehlen. Doch es gelang ihr nur aeusserlich. Innen war ich zu aufgewuehlt, ja, war nervoes. Ich war nervoes, stellte ich fest und spuerte einen schnellen Herzschlag. Unglaublich. Wie lange ist mir das nicht mehr passiert. Wieviele Frauen hatte ich kennengelernt, war gelassen und laessig, witzig und charmant, selten auf den Mund gefallen ... aber nun... nun war ich nervoes und mir war gar nicht mehr laessig. Wusste gar nicht mehr, wie man charmant sein kann, wie man eine Frau fuer sich gewinnt ... alles weg ... alles weg mit dieser einen kleinen Sekunde.
Ja, ich musste sie wiedersehen. So sehr ich das auch wollte, so sehr fuerchtete ich mich auch schon davor. Hatte ich doch soeben alle meine Faehigkeiten im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht verloren. War unsicher. Sie wird bestimmt heute abend im Hotelrestaurant sein... denn 30km um das Hotel herum gibt es nichts anderes.
Um 1900 Uhr wagte ich mich ins Restaurant. Sie kam spaeter und setzte sich mit einer Kollegin an den Nachbartisch. Ich traute mich nicht herueberzusehen. ICH TRAUTE MICH NICHT. Ich! Nie zuvor war mir so etwas passiert. Wie oft habe ich in solchen Situationen geflirtet was das Zeug haelt ... jetzt hielt „das Zeug“ ueberhaupt nichts mehr. Grad jetzt, wo ich es so sehr brauchen koennte. Gelassenheit, Charm, Witz ... alles nicht da. Unbewaffnet, wehrlos, hilflos mit der Situation sitze ich hier und stochere in meinem Salat herum.
Ich wusste, wuerde ich jetzt versuchen, Sie anzusprechen, es wuerde nichts werden. Peinlich vielleicht ... mehr nicht. Ich konnte meine Unsicherheit nicht verbergen. Es ging nicht. Klara hingegen war damals schon staerker. Ja, waehrend des Essens gab es von beiden Seiten schon schuechternen Augenkontakt. Nur Augenkontakt, zu einem zusaetzlichem Laecheln konnte ich mich nicht durchringen. Es ging einfach nicht. Ich kam mir vor, wie ein Teenager in seinen Anfaengen. Oh Mann!
Klara und die Kollegin standen irgendwann auf. Sie hatten wohl einen anstrengenden Seminartag und wollten nicht zu spaet ins Bett. Ich merkte, wie sie langsam ihre Handtasche zusammenpackte, ihre Kollegin schon mal vorgehen liess. Jetzt ist er gefragt, der Mut, der reserviert sein sollte fuer genau diesen Moment. Ich schaute sie an, wollte was sagen, hatte wahrscheinlich auch schon den Mund geoeffnet ... doch nichts kam, wusste einfach nicht was.
Klara spuerte das. Sie trat an meinen Tisch. Blickte mich an, laechelte und sagte einfach nur mit unglaublich warmer Stimme ... „Ja?“. Ich schluckte, rieb mir mit meiner Hand einmal durch das Gesicht, suchte nach Besinnung, Klarheit, wollte raus aus diesem rosa Nebel. Welch Katastrophe!
„Ha ... hats geschmeckt?“ versuchte ich mich zu aeussern ... ich sagte wirklich nur „Hats geschmeckt?“ Was fuer ein Schwachsinn... mir fiel einfach nichts ein ausser „Hats geschmeckt?“
Klara lachte, lachte laut. Sie blickte die Situation, schon laengst hatte sie verstanden. Nahm einfach einen Stuhl und setzte sich zu mir an den Tisch. Genau gegenueber. Strahlte und schaute mir mit ihren lachenden, blauen Augen ins Gesicht. Sie legte ihre Haende auf meine, die ich schweissnass auf dem Tischtuch ausgebreitet hatte. „Ich bin Klara ... und ja, es hat geschmeckt, und Du? Wer bist Du?“
Das Eis war gebrochen. Das war er ... unser Anfang. Der Anfang einer wunderbaren Liebe. Kambodscha war das drittletzte Land auf meiner Weltreise. Ueber 60 Laender in Nord-Mittel- Suedamerika, in Afrika, Suedeuropa, Arabien und Asien hatte ich schon mit dem Motorrad durchfahren ... und hier ... so kurz vor dem Ende dieses fuer mich groessten und schoensten Abendteuer meines Lebens ... so kurz vor dem Ende wartet nun auch die Liebe meines Lebens hier in Kirirom auf mich. Vielleicht musste ich wirklich soweit fahren, soviele „Abenteuer“ bestehen, mich austoben, Mann werden um jetzt bereit zu sein fuer „eine Klara“.
Klara arbeitete fuer eine Entwicklungshilfe Gesellschaft in Kambodscha. Auch fuer sie war die Zeit hier bald zu Ende und es sollte zurueck nach Deutschland gehen. Die naechsten Wochen hatte sie Urlaub und wollte noch weitere Laender Suedostasiens sehen.
Auch das taten wir schon gemeinsam. Eigentlich haben wir uns nach Kirirom nie wieder getrennt ... weder aeusserlich .... noch innerlich. Nie wieder fuer die naechsten 29 Jahre. Ihr Seminar war zu Ende. Am naechsten Tag fuhren wir los, gemeinsam auf dem Motorrad, um ueber Laos nach Nordthailand und dann nach Bangkok zu fahren, wo meinen Reise und ihr Auflandsaufenthalt gleichzeitig das Ende fanden.
Sie besorgte sich einen Helm fuer die Reise, ich weiss gar nicht mehr wo sie ihn so ploetzlich aufgetrieben hatte ... naja, sie war immer gut im Organisieren. Am naechsten Tag fuhren wir los in Richtung Laos. Sie hatte noch nie zuvor auf einem Motorrad gesessen und so bedurfte es einer kleinen Eingewoehnung.
Sie sass dicht hinter mir. Die Arme fest um meinen Bauch gelegt, dicht an mich herangerueckt, die Knie an mein Becken gepresst, so eng bei mir sass sie dort. Vielleicht weil sie ein wenig Angst vor dem Motorradfahren hatte ... vielleicht aber auch, weil wir es so wollten...
Wir waren eng beieinander und immer dann, wenn ich das Gas leicht wegnahm, einen Gang herunterschaltete oder gar vorsichtig bremste, dann nickte ihr Kopf leicht nach vorn und stupste mit dem zumeist offenen Visier hinten gegen meinen Helm und beschaedigte den Lack...
„Und jetzt, meine liebe Annie, weisst Du auch ... woher diese kleinen vielen Kratzer hier am Helm kommen...“ laechelte ich und blickte, erwacht aus meiner Vergangenheit, in Annies Gesicht, die die ganze Zeit mucksmaeuschen still war und gebannt der Geschicht ihres Opis gelauscht hatte.
„... und weisst Du was, Annie? Erinnerst Du Dich daran, was die Omi frueher ab und zu gemacht hat?“ „Nein, was meinst Du?“ fluesterte Anni mit leiser, trockener Stimme und immer noch gefangen in der Geschichte ...
„ Weisst du noch ... in manchen Momenten ist Omi hinter mich getreten, hat meinen Bauch von hinten umarmt und ihre Stirn leicht gegen meinen Hinterkopf gestupst ... weisst Du noch? Deine Eltern haben doch immer gefragt, was das soll. Wir haben es Ihnen nie erklaert. Das war immer Klaras und mein Geheimnis. Und jetzt, jetzt kennst Du es auch ... und nur Du. Weisst Du ... in diesen Momenten waren Deine Omi und ich immer besonders gluecklich und wir haben uns damit immer an unseren ersten gemeinsamen Tag erinnert, den vor ueber 30 Jahren, der uns beiden immer noch so unendlich praesent ist. Der Tag an dem uns unser Moment beschert wurde.... den Moment, den wir beide nicht haben vorbeigehen lassen.“
„Opi, das ist eine schoene Geschichte!“ sagte Annie leise und kuschelte sich an meine Seite. Ich legte meine Hand auf ihre Wange und hielt ihren Kopf fest an meine Brust gedrueckt. „Ja, Annie, das war eine schoene Geschichte und ... das war ein schoenes Leben ... “ sagte ich. Wir sassen noch laenger so da, meine Annie und ich, und sagten nichts.
Ein schoener Moment. Gedankenversunken sass ich dort. Annie loeste sich aus meinem Arm, kramte noch ein wenig umher, zog meine alten, uebergrossen Motorradhandschuhe ueber, wickelte sich eine Schal um den Hals, den Klara und ich damals in Luang Prabang in Laos zusammen noch gekauft hatten, schluepfte in meine alten Motorradstiefel, die ihr natuerlich viel zu gross waren ... und stapfte derart verkleidet ueber den Soeller ... bis wir beide nicht mehr an uns halten konnten und so richtig laut lachen mussten....
Dann hoerte ich Babaras stimme. Meine Tochter ... sie rief die Soellertreppe hinauf... „Hee, ihr beiden, seid ihr da oben?“ Annie lief zur Tuer und hoerte was war ... „Ja, wir sind hier, Mama, ich komme runter.“ Annie stiefelte die Treppe in den Riesenschuhen vorsichtig herunter und rief dabei hoch zu mir ... „Komm Opi, Mama ruft, ... Du musst doch gleich zu Deiner Chemo...“
Langsam erhob ich mich von meinen Leinensaecken, klopfte den Staub von meiner Hose ab und rief zurueck „Ja, Annie, ich komme“ und leise wiederholte ich ... ganz leise und nur fuer uns ... „Ja, Klaerchen, ich komme... frohe Weihnacht, meine Liebe“ ... und langsam stieg ich die braune Soellertreppe mit einem gluecklichen Laecheln auf meinem alten Gesicht wieder hinab in mein jetziges Leben.
