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EmotionalsDer Moment (1)

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Eine Weihnachtserzaehlung ...

“Opi, was ist da oben” fragt Annie und deutet die dunkelbraune Holztreppe hoch auf den Soeller unseres Bauernhauses. „Ach nichts, Annie, nur Geruempel, Zeugs aus der Vergangenheit, nichts von Bedeutung, nichts was man noch brauch“

„Opi, bitte, lass uns da hochgehen. Ich will das sehen was du nicht mehr brauchst. Vielleicht brauch ich es ja noch ... Bitte bitte bitte ...“ bettelt Annie, huepft aufgeregt auf ihren Zehenspitzen und schaut mich mit ihren stahlblauen Augen an. Augen, die sie von Ihrer Oma hat, von Oma Klaerchen, meiner Frau.

Klara ist genau heute vor einem Jahr gestorben. Am morgen des Heiligen Abends. Dabei hat sie sich doch noch so sehr gewuenscht das Weihnachtsfest zu erleben, zu ueberleben eigentlich. Doch zu frueh verloren hat sie den Kampf gegen den uebermaechtigen Krebs. Irgendwann war er ueberall ... ueberall, sie konnte nicht mehr ... ihr einst schoener Koerper war erschoepft, ausgemergelt, einfach erledigt vom unglaublichen, tagtaeglichen und jahrelangen Kampf. ... Nur ihre Augen... sie zeigten nie die Erschoepfung. Sie waren immer glaenzend und gefuellt mit dem sichtbaren Willen weiterzuleben. Vielleicht auch deshalb, weil Klara wusste, wie sehr ich sie liebte und wie unglaublich gern und tief ich mich in dem Blau ihrer Augen verliere.

Ich war 70 als sie starb, sie 68 und immer noch ... immer noch nach 30 Jahren Ehe konnte ich meinen Blick nicht von der Anmut ihrer Augen lassen. Hunderte Naechte habe ich neben ihr im Bett gelegen und ihr Gesicht beruehrt, ihre schon faltigen Wangen, ihre Nase mit der kleinen Kerbe, das hellbraune Muttermal an der Oberlippe ... und dabei habe ich sie betrachtet, haben wir uns betrachtet ... solange bis ihr Schlaf mir den Blick in ihre Augen nahm .... Nichts gesagt haben wir in diesen Momenten ... nichts ... und doch waren es die innigsten Momente unserer gluecklichen Ehe. Momente die uns beide spueren liessen wie sehr wir doch fuereinander gedacht waren.

Klara ist nicht mehr da. Doch eines hat sie mir dagelassen. Etwas unglaublich wertvolles, etwas dass mich ihr heute noch so sehr nah sein laesst. Es ist der Blick in ihre Augen... in Annies Augen. Annie, die immer noch vor mir auf und nieder huepft und mir an meinem Hemd herumzerrt. „Opi, Opi, ich will da hoch.... bitte!!!“

„Aber Annie, wir wollen doch den Weihnachtsbaum schmuecken, hast du das schon vergessen?“ ... erwache ich aus meinen Gedanken ... „Nein, hab ich nicht vergessen, aber das Christkind kommt doch erst heute abend, oder Opi? “ „Hmmm ... na gut, Annie, dann komm, lass uns schauen, was du da noch alles gebrauchen kannst...“ und sie stuermt los, in ihrem kleinen rosa gebluemten Kleidchen auf allen Vieren krabbelt sie so schnell sie kann die Stufen hoch. „Komm Opi...“

Die Tuer des Soellers ist maechtig, ich druecke die schwere Klinke herunter und Annie stemmt sich unter mir mit beiden Armen fest dagegen und drueckt sie auf. Dunkel ist es, die Fenster sind verhangen mit Leinensaecke, etwas Licht dringt durch die Spalten in den Dachpfannen ueber uns, Spinnweben ueberall, Staub, ein etwas muffiger Geruch, schon Ewigkeiten war niemand mehr hier ... eine von unserem Besuch in ihrem Reich ueberraschte Maus sucht noch schnell ihr Versteck auf.

Annie schaut mich von unten an, hat etwas Angst, klammert sich an mein Hosenbein und blickt etwas aengstlich zu mir hoch. Ein Sonnenstrahl aus dem Dachstuhl faellt hell auf ihr Gesicht, ihre Augen funkeln darin ... ganz hellblau... ganz glaenzend und jung ... mein Gott, wie ich dieses Kind liebe ... „Komm Annie, lass uns mal was Licht machen hierdrin...“

Ich rupfe die Leinensaecke von den Fenstern weg, der Raum flutet sich mit der hellen Kraft der Fruehlingssonne, der Staub wirbelt in den einfallenden Sonnenstrahlen, Annie steht mitten drin im Licht, hustet und blinzelt umher.

Auf grossen Haken in den Klinkerwaenden haengen noch Pferdesaettel aus laengst vergangene Zeiten. Eine Stange ragt aus der Wand ... Halfter, Stricke, Pferdedecken sind darueber gelegt. Utensilien der Landarbeit, die auch nicht mehr in meine Zeit fallen, auch nicht in die meines Vaters. Mein Grossvater pfluegte damals noch mit dem Pferd und dem Ochsen ... damals ... und heute ... heute bin ich selber „der Opi“. So vergehen Generationen, so vergehen Leben, so vergeht und veraendert sich die Zeit. So schreitet sie voran, diese unaufhaltsame Dimension „Zeit“

Annie hat einen alten Spiegel entdeckt. Er steht auf dem Boden, sie kniet davor. Ich hocke mich zu ihr herunter. Wir beide schauen hinein. Die Sonne streift unsere beiden Gesichter ... ihres so jung und unverbraucht, meines so gelebt ... schmerzhaft wird mir bewusst, wie vergaenglich alles ist aber auch, wie gut alles war.

Annie laechelt uns an im Spiegel, dreht sich um, drueckt mir einen Kuss auf die Wange und stuermt los zu ihrer Entdeckungsreise auf dem Speicher.

„Opi, was ist hier drin“ fragt sie und zeigt auf einen grossen, staubigen Karton. „Ich weiss nicht, Annie. Mach doch mal auf.“ Sie klappt die grossen Kartonlaschen auf, blickt hinein, greift hinein, kramt darin herum und holt etwas Fussballgrosses, Silbernes heraus. „Guck mal, Opi... weisst Du was das ist?“ fragt sie. Ich sehe was es ist und hunderte von Erinnerungen durchschiessen mich ... werfen mich zurueck ... dreissig Jahre zurueck. Holen mir eine Zeit zurueck, an die ich schon lang nicht mehr gedacht habe.

„Ja, Annie ... ich weiss, was das ist...“ Ich setze mich neben Sie auf einen Stapel alter Leinensaecke. „Das ist ein Motorradhelm... Weisst Du, als der Opi noch juenger war, da war er mit einem Motorrad unterwegs. Unterwegs auf einer langen Reise. Er ist mit dem Motorrad einmal um die ganze Welt gefahren. Zwei Jahre hat er dafuer gebraucht. Zwei wichtige Jahre ... und sie sind auch der Grund, warum es Dich gibt, Annie.

Zeig mal her den Helm ...“ Ich betrachte ihn von allen Seiten, langsam ziehe ich mir den Helm ueber den Kopf und ein immer noch wohlbekannter suesslicher Duft von Schweiss und Helmpolster zieht durch meine Nase. Unglaublich, was so ein Geruch ausrichtet. Erinnerungen werden ploetzlich konkreter, werden Geschichten, Erlebnisse, Bilder ... sind wieder da, ergreifen mich. Bin ergriffen ... „Opa ... was machst Du dadrin? Gehts dir gut? Du atmest so...?“ ... „Ja, ja, Annie, mir geht es gut“ sage ich heiser ...

Ich ziehe den Helm wieder ab. Annie sieht meine leicht feuchten Augen, sagt aber nichts ... ich entdecke die vielen Kratzer. Und auch die Geschichten zu den Kratzern beginnen sich aus meinem Reiseherzen nach oben zu arbeiten. Insbesondere die eine.

„Siehst Du die vielen kleinen Kratzer hier an der Hinterseite, Annie?“ Sie schaut sich die kleinen Kerben an und streicht mit ihren Kinderfingern darueber ... „Ja, sehe ich ... woher sind die?“ ... Deine Oma hat sie darein gemacht ... an dem Tag, an dem ich Sie zum allerersten Mal gesehen habe, ...“

„Oma hat Deinen Helm kaputt gemacht?“ fragt sie entruestet und schaut mich unglaubwuerdig an. „Nun ja, so kann man es sehen“ sagte ich, musste lachen und gleichzeitig konnte ich kaum noch die Traenen zurueckhalten. War doch wieder alles so praesent, so als wenn es gestern war ... war es doch der Tag an dem ich mit so grosser Sicherheit und ganz ploetzlich wusste, wo ich hingehoere, wo mein Platz ist. Ich, der Weltenbummler, der Rastlose, der Suchende, ... alles aenderte sich mit dem Tag. Nein, eigentlich aenderte sich alles mit einem winzigen Augenblick.

Irgendwo glaube ich ist ein solcher Augenblick in jedem Leben verborgen und wir sollten ihn nicht verpassen,diesen Augenblick, diese Chance, diesen Moment.

Es ist vielleicht nur ein kurzer Blick in das Gesicht einer noch Unbekannten, der es in einem Bruchteil einer Sekunde warm in der Brust werden laesst, der in einem Bruchteil einer Sekunde, deine gesamte Aufmerksamkeit einfaengt. Ein Moment, dessen Seltenheit und ploetzliche ungewohnte Intensitaet Dir zuruft, „Warte! Hier ist etwas fuer Dich bestimmt, hier bist Du gemeint.“ Und dann ... dann ist es an Dir, mutig zu sein, zu handeln, die Chance, das neue Leben zu ergreifen, den Moment, den vielleicht einzigen fuer Dich bestimmten Moment in Deinem Leben nicht unbeteiligt und fuer immer verstreichen zu lassen. Denn es ist DEIN Moment. Er ist Dir zugedacht. Schaerfe Deine Sinne, um ihn zu entdecken und reserviere immer ein wenig Mut fuer ihn ... denn Du weisst nie wann und wo er Dich ereilt. Sei bereit.

Ich war bereit damals... und mutig. Damals in Kambodscha. Ich hatte mich in Kirirom ca 120 km westlich von Phnom Penh in einem recht schoenen Hotel untergebracht. Zimmer 302 bekam ich zugewiesen, das weiss ich noch genau. Am Ende des Ganges im Erdgeschoss, vorbei an den Meetingsaelen war es gelegen....

Vollgepackt war ich mit Rucksack und Packtasche, Helm in der Linken Tankrucksack in der Rechten, Motorradkombi am voellig verschwitzten Koerper und wollte nur noch duschen. Ich muss gestunken haben ... ja muss ich, so durch geschwitzt wie ich war. Eine Gruppe von ca 20 westlich aussehenden Meeting-Teilnehmer hatte grade Pause und stand bei ein paar Schnittchen und O-Saft vor „Phnom Penh“, ihrem Sitzungssaal.

„Hoffentlich riechen die mich nicht“ dachte ich als ich mich ihnen naeherte. Ich musste durch sie hindurch „Entschuldigen sie, darf ich mal vorbei bitte ...“ Ich schob mich durch die Gruppe, meine Handschuhe hatte ich locker in den Helm gesteckt, einer viel in dem Moment zu Boden. Ich wollte grad mein Gepaeck absetzen, um ihn wieder aufzuheben, da griff eine Frauenhand nach dem Handschuh, hob ihn auf und steckte ihn mir wieder in den Helm. Ich blickte auf, um mich zu bedanken... und da, in dieser Sekunde, da war er ... der Moment, mein Moment, unser Augenblick.

... Fortsetzung folgt ...  


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