2.360 Meter hoch ist der Berg, auf dem die Inkas in Peru ihre immense und heute immer noch atemberaubende Stadt gebaut haben: Machu Picchu.
Ich ahnte noch nicht, das Machu Picchu ein Hoehpunkt dieser Reise werden sollte ... und das in vieler Hinsicht ... Dabei halte ich doch gar nicht so viel von „Ruinen“. Ich floss mit dem Strom an Touristen durch die Eingangshalle. Alles ist professionell durchorganisiert. Bestimmt eine viertel Stunde treibe ich mit den Besuchern durch die Gaenge ... Dann irgendwann gab das Ende einer Mauer endlich die Sicht frei auf diese riesige, historische Anlage.
Ein ergreifender Anblick, mir stockt der Atem. Die immense Groesse, die luftige Hoehe, das satte Gruen zwischen den grauen Steinen im kraeftigsten Morgenlicht, ringsherum das gipfelreiche Bergpanorama, der aufsteigende Nebel aus den steilen Taelern unter mir. Mit diesem Bild hatte ich nicht gerechnet, nicht so intensiv, so beruehrend. Sekundenlang fuellt sich die Brust mit Ehrfurcht, unglaeubigen Staunen und dann ... Bewunderung fuer diese grossartige Bauleistung in dieser Hoehe.
Wie muss es wohl hier ausgesehen haben als noch alles vollstaendig war und das mittelalterliche Leben durch die Strassen zog? Was spielte sich wohl hinter den Mauern und in den Haeusern ab? Welche Riten und Braeuche wurden hier praktiziert? Welche Schicksale wurden hier erlitten? Welche Urteile gefaellt und vollstreckt? ... hundert Fragen schossen mir durch den Kopf ... doch ich musste mich erst mal setzen und die Stadt hoch oben und inmitten dieser doch so maerchenhaften Umgebung in mich aufnehmen, einatmen, ein Gefuehl fuer sie bekommen.
Doch das alles weiter zu beschreiben wuerde zu lange dauern ... ich kann nur empfehlen diese unglaubliche Bergwelt dort oben am Machu Picchu einmal selber zu besuchen. Eigentlich wollte ich ja von „KSSSssst“ berichten... und das mache ich nun auch.
Will man den Macchu Pichu besuchen, so nehmen 97% der Touristen, die Eisenbahn von Cusco. Mit dem Motorrad kann ich zu den 3 anderen Prozenten gehoeren und so versuche ich so nah wie moeglich durch die Bergwege an diese historische Staette heranzukommen. Bis Santa Teresa gelingt es mir. Santa Teresa ist eine kleine Stadt in einem Tal, ca. 30 km entfernt von Aguas Calientes, dem nur mittels Zug zu erreichenden Ausgangspunkt von dem aus ueber 50 Busse die Touristen aller Nationalitaeten hoch zum Macchu Pichu schlaengeln.
10 km entfernt von Santa Teresa gibt es die „Hydrostation“ - ein Wasserkraftwerk. Dort soll zwei mal am Tag eine Eisenbahn die letzten 20 km bis Aguas Calientes fahren. Der Hinweg ist einfach. Rein in den komfortablen Zug und dann hoch mit dem Bus nach Macchu Pichu.
Es wird spaet an dem Tag. Ein Zug zurueck nach Santa Teresa faehrt nicht mehr ... Ich uebernachte in Aguas Calientes, kann jedoch schlecht schlafen. Die duenne Hoehenluft laesst mich immer mal wieder wach werden und nach Sauerstoff hecheln ... um fuenf Uhr dann bin ich dann voellig wach und die Gedanken nehmen ihre Fahrt auf ... Warum soll ich eigentlich die 20km zurueck nach Santa Teresa im Zug verbringen. Ich koennte doch eigentlich auch die Bahngleise entlanglaufen und muesste dann auch wieder an der Hydrostation auskommen... oder? Ich weiss, sie fuehrt durch unuebesichtliches Djungelgebiet fast einmal rundherum um den Macchu Pichu. Doch die Gleise sollten doch verhindern, dass ich mich darin verliere. Also, raus aus den Federn ...
Um 06.00 Uhr „gleise ich auf“ und beginne die Schienen entlangzulaufen. Einige Arbeiter schlagen schon ihre Spitzhacken in den Boden neben den Gleisen...ich frage sie, ob ich hier auf dem richtigen Gleis nach Santa Teresa bin. „Si, si“ heisst es, doch „vorsicht, es gibt Tunnel dort“.
Ach so, ja, Tunnel, richtig. Darin sollte man nicht grad spazieren, wenn der Zug durchrauscht... Aber gut, so schlimm kann es nicht sein, weiss ich doch, es kommt nur ein Zug am Vormittag und der startet um 07.00 Uhr in Richtung Santa Teresa ... kommt mir demnach nicht entgegen, sondern von hinten. Also weiter...
Nach ein paar hundert Metern bin ich allein. Allein im erwachenden Djungel ... unbeschreiblich, wie die fingerhaften Strahlen der aufgehenden Sonne die Berge langsam von oben nach unten in orangegelbes Licht tauchen. Papageienschwaerme ... hunderte von gruenroten Papageien verlassen fast gleichzeitig und mit lautem Gekraechz die Baumkronen ueber mir, Blaetter und kleine Aeste fallen herunter auf mich, ueberall flattert und schreit es um mich herum ... nur fuer ein paar Sekunden ... dann ist wieder Stille ... langsam legt sich dann auch meine Gaensehaut wieder. Eine spannende Gegend ... und waeren die Schienen nicht als mein Wegweiser so deutlich vor mir ... ich kaeme mir reichlich verloren vor. Doch es sollte noch spannender werden, viel spannender, mehr als mir lieb ist...
Es ist sieben Uhr dreissig. Der Zug muesste vor dreissig Minuten hinter mir losgefahren sein... und wie ich irgendwie doch befuerchtet hatte... taucht genau jetzt auch der Tunnel auf. Ein schwarzes Loch. Kein Hinweis, wie lang der ist. Und bei der Hinfahrt ... nein, ich kann mich an keinen wirklich langen Tunnel erinnern.
Ich stehe vor dem schwarzen Loch. Gehe ich nun dadurch... oder warte ich noch den Zug ab? Er kann jeden Moment kommen ... oder gar nicht. Zuverlaessig soll er ja nicht sein. Wirklich ein ungutes Gefuehl bei dem Gedanken da nun durchzurennen. Wie lang ist der denn nun ... ich rufe hinein, „Hallooo!“, will ein Echo hoeren ... doch statt dessen ... antwortet aggressives Hundegebell in der Ferne ... Was? Erwartet mich da auch noch ein Hund darin? Tolle Aussichten. Den Tunnel zu umlaufen ... funktioniert nicht. Links eine steile Felswand nach unten ... rechts eine nach oben. Auch scheint er so eng zu sein, das ich nicht ohne weiteres den Zug vorbeirauschen lassen kann.
„Also gut. Lang genug gewartet ... Dann mal durch...“ spreche ich mir ein wenig Mut zu und meine ersten Schritte in dieses dunkle Loch sind ueberzogen mit einer Gaensehaut. Noch kann ich sehen wo ich hintrete... doch dann wird es schnell dunkler ... von Schritt zu Schritt. Mein Gang istnschnell, ja eigentlich renne ich ... so gut es geht zumindest in dieser Dunkelheit. Ich hebe die Fuesse bei jedem Schritt so hoch es geht, damit ich nirgendwo drueber stolpere. Denn mit einem gebrochenen Fuss hier im Tunnel zu sitzen und auf den Zug zu warten ... nein, besser nicht. Also Vorsicht!
Ich sehe kaum noch was. Nur wenn ich mich umblicke sehe ich weiter hinten das Licht des Eingangs ... Die Eisenschienen stossen ab und zu an meinen Fuss und zeigen mir, wo die Mitte der Gleise ist. Ich renne bestimmt vier oder fuenf Minuten schon ... das Hundegebell in der Ferne wird lauter ... dann erahne ich eine Kurve. Hoffentlich ist es nur eine Kurve und ich sehe gleich Licht, bete ich ... ja, ich glaube da hinten wird es heller ... laufe noch eine weitere Minute, ja, es ist eine Kurve und als ich dort herum war ... sehe ich in der Entfernung auch den Ausgang. „Ja!“ durchfaehrt es mich erleichtert und ich balle die Faust ...gut, es ist Licht am Ende des Tunnels ... im wahrsten Sinne des Wortes.
Noch vielleicht 300 Meter... ich atme erleichtert auf. Das sichere Ende ist in Sicht. Aber was ist das da hinten vor mir auf den Schienen. Tatsaechlich ... da ist der, der Hund. Der spuert das da etwas in dem Tunnel ist ... naemlich ich ... und er bellt laut und aggressiv in die Roehre hinein ... Super, auch das noch. Aber umdrehen werde ich bestimmt nicht. Lieber Hund als Zug... Gegen Tollwut bin ich geimpft. Gegen Zug nicht.
Ich bleibe stehen. Der Hund ist still, bellt nicht, starrt nur in das schwarze Nichts und weiss nicht was oder wer darin ist. Ich hingegen sehe ihn genau. Sehe sein nebeliges Hecheln schnell und heftig aus dem Maul entweichen. Sein Kopf geht auf und nieder ... er versucht etwas zu erkennen oder zu riechen... Doch es scheint ihm nicht zu gelingen.
Alles ist still. Irgendwie unheimlich. Ich taste den Boden ab und suche nach einem moeglichst grossen Stein. Doch nur die ueblichen kleinen Bahnschienensteine finde ich als moegliche Waffe gegen den Hund. Dann ein leises und feines, doch mir sehr bekanntes Geraeusch im Tunnel. Und dieses Geraeusch laesst den Hund schnell zur Nebensache werden.
„KSSSsss ....... KSSss... KSSSsss“ hoere ich, und es kommt von unten, von den Schienen. Es ist das so typische Geraeusch, das Schienen von sich geben, wenn sich darauf ein Zug naehert ... noch bevor er zu sehen ist. „Och nee, nicht jetzt, bitte nicht jetzt... SHIT!“ ... und ich renne los, was das Zeug haelt... keine Ahnung wie weit der Zug noch entfernt ist, keine Ahnung wie schnell der ist, keine Ahnung wie lang der noch brauch bis zu mir.
Jetzt nur nicht stolpern, jetzt nicht... so schnell ich kann renne ich mit dem Blick weit nach vorn auf die sichtbaren, im Tageslicht glaenzenden Schienen am Ausgang ... „Los, schneller“ sporne ich mich an ... Platz, um auszuweichen ist hier keiner. Ich muss raus hier ... Ich hoere wieder das Gebell ... ja, auch an dem nun schon deutlich erkennbar schaumig sabbernden Hund muss ich vorbei... noch wohl 150 Meter... „KSSsss ... KSSss“ hoere ich immer lauter werden ... Ich blicke mich um, nur kurz, um nicht zu stolpern ... und erblicke schon, wie die Scheinwerfer des Zuges die Tunnelkurve beleuchten. ... Och nee, komm, nicht so schnell.... gib mir noch die paar Meter, denke ich.“
Ja, das sollte ich schaffen ... so rasend schnell ist der Zug nicht. Ich hoere ein unglaublich lautes und schrilles Pfeifen der Lokomotive hinter mir ... mir tun die Ohren weh, so hallt es in der Roehre. Und auch der Hund erschrickt und reagiert und springt links neben die Gleisen und bellt und bellt. Ich schaffe es... ich schaffe es problemlos, denke ich... also ... ca. 20 Meter vor dem Ausgang bleibe ich auf den Schinen stehen... hinter mir schon deutlich die drei Lichter der Lokomotive. Der Hund traut sich nicht hinein ... gut so ... vielleicht klappt ja mein Plan, denke ich voellig atemlos und mit rasend pochendem Herzen.
Ich lasse den Zug noch etwas naeher herankommen ... dann renne ich mit geringerem Abstand vor dem Zug die letzten Meter aus dem Tunnel und springe nach rechts von den Gleisen. Der Hund traute sich nicht mehr ueber die Schienen... gut so ... nun trennt der vorbeirollende Zug uns beiden. Jetzt bloss nicht untaetig abwarten bis der Zug vorbei ist und ich mit dem Koeter Auge in Auge auf den einsamen Gleisen stehe....
Ich renne weiter ... renne mit dem Zug ueber, der die Fahrt schon –sicher meinetwegen- verlangsamt hatte ... ich renne rechts neben den Gleisen und hoffe, dass der Hund nicht so schlau ist und auch mitrennt... Ich mache bestimmt 300 Meter gut, bis der letzte Wagon des Zuges mich ueberholt und ich die linke Seite der Gleise einsehen kann.
Gebell hinter mir ... „Och nein“ ... Ich blicke mich um ... doch noch voellig atemlos muss ich doch ein wenig lachen... Der „schlaue“ Hund steht doch wieder vor dem Tunnel und bellt wild hinein. Waehnt mich wohl immer noch darin. Komisch ... mir aber egal. Und jetzt ... nur nicht auffaellig werden. Ganz leise schleiche ich mich die Bahnboeschung hoch in den dichten Wald. Er hat mich nicht gehoert, bellt immer noch in die falsche Richtung ... Erst mal hinsetzen. Ich sitze. Meine Knie zittern, meine Muskeln sind heiss, mein Herz schlaegt so schnell wie selten, kann nichts mehr sehen, denn Traenen der Erleichterung schiessen mir in die Augen,... Was mach ich hier nur ... ich haette zeitunglesend und mit einer Tasse Kaffee in diesem Zug sitzen koennen ... statt dessen sitze ich hier und komme mir vor wie Indianer Jones auf der Flucht.
Meine Stirn ruht auf den noch leicht zitternden Knien, in der Ferne hoere ich den dummen Hund in die Roehre bellen ... doch nach ein paar weiteren Minuten ist Ruhe... ich blicke hinueber. Ich glaube, wenn ein Hund mit den Schultern zucken koennte ... er haette es genau jetzt getan, denn kurz darauf trottet er –ohne mich zu bemerken- nach rechts weg in einen kleinen Waldweg hinein.
Ich bleibe bestimmt noch 10 Minuten hier sitzen ... so k.o. bin ich von dieser Flucht ... und das nicht nur koerperlich. Mach ich ja schliesslich auch nicht so oft.
Dann rappel ich mich auf ... steige wieder hinab auf die Schienen und brauche nochmal 40 Minuten ohne weitere Zwischenfaelle bis ich an dem Wasserkraftwerk ankomme. Dort lasse ich mich dann von ein paar Arbeitern mitnehmen ... mitnehmen nach Santa Teresa, dort, wo ich mein Motorrad geparkt hatte.
Zu den Bildern:
1.) Santa Teresa
2.) Machu Picchu 1
3.) Machu Picchu 2
4.) Die Gleise 1
5.) Die Gleise 2
6.) Der Tunnel
7.) Der Zug "PeruRail"
