KM-Stand: 235317

EmotionalsGefährliches Zuckerrohr

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“Bleibt auf den Hauptstrassen”,

„Lass Dich nicht von einem einzelnen Polizisten stoppen, schon gar nicht, wenn die Schuhe nicht zur Uniform passen. Dann kannst Du bestimmt davon ausgehen: Es ist eine Falle“,

„Wenn Dich ein Polizist anhalten will und er hat die Waffe schon gezogen... glaubt mir... ist dann auch eine Falle. Nichts wie weg.“

„Und ganz wichtig: Wenn die Strassen einsamer werden, sieh zu, dass Du in einem Konvoi mit ein paar anderen Wagen faehrst. Fahr mitten drin.“...

„Ach, und zieht keine Ringe an... hab schon gehoert, das dafuer die Finger abgeschnitten werden.“

Vielen Dank! Diese und ander Ratschlaege stuermen in den USA auf mich ein, sobald ich meine weitere Fahrtroute preisgab ... Ja, es sind gutgemeinte Ratschlaege fuer die bevorstehende Fahrt durch Mexiko und Central Amerika und eigentlich war ich auch ganz positiv gestimmt fuer die Laender ... doch ... doch irgendwie schaffen es die „guten Tipps“ mich voellig nervoes zu machen. Total „rappelig“ bin ich als ich die USA verlasse ...

... Fuenf Wochen spaeter ...

Antigua im Westen Guatemalas ist speziell, zieht mich in seinen Bann... Kopfsteinpflaster ueberall, Haeuser in allen Farben laden zum Hinsehen ein, Kirchentore an vielen Stellen der alten Stadt machen neugierig auf das Innere, Militaer und Polizei mit kurzen Schrotflinten erinnern ueberall an die Gefahren, Berichte von ueberfallenen Reisenden ermahnen zur Vorsicht ...

Einer dieser Reisenden ist Dave. Genau wie ich ist er mit einem Motorrad unterwegs, sogar mit der gleichen BMW. Er haengt in Antigua fest, da er auf seinen neuen Pass wartet. Der wurde ihm samt seines Geldes und der Kreditkarten gestohlen... auf uebelste Weise gestohlen. Er haette einfach nicht diese Dirtroad 40 km vor Antigua fahren sollen. Angehalten haben ihn zwei Maenner mit Pistolen, ein dritter kam von hinten. Eine Waffe durchs offene Visir an die Stirn, eine andere in den Bauch. „Die Angststarre setzt dann ein“, erzaehlt er mir, „alles haben sie gefunden und genommen, die wussten genau, wo zu suchen ist.... und dann haben sie mich wieder fahren lassen... alles eine Sache von zwei Minuten... wenn ueberhaupt.“

Seit dem ist Dave ein wenig „paranoid“, wie er selber sagt, und ist ganz froh als ich ihm anbiete, dass wir zusammen fahren koennen. –Nicht ganz ohne Eigeninteresse-

Gemeinsam und mit noch einem weiteren Motorradfahrer, sein Name ist Bryn, brechen wir von Antigua auf. Bryn ist Neuseelaender, angeblich ist es English was er spricht, doch selbst Dave, der Texaner, tut sich ein wenig schwer mit seiner Aussprache. Klasse, denn so hatten wir in den naechsten Tagen genug zu laestern... und eine Menge Spass. Bryn ist uebrigens kein Low Budget Reisender , sondern ein „Low-Low Budget Reisender“. So war es auch immer sein Wunsch auf dem Boden zwischen Daves und meinem Bett zu schlafen... um somit auch eine geringere „Zimmermiete“ zu zahlen... nun ja, warum nicht.

Wir drei schaffen es bis zur Grenze nach El Salvador. Sechs Stunden dauert die Grenzabfertigung ... denn sie kommen mit Daves neuem Pass nicht klar. Es fehlt ja irgendwie der Einreisestempel nach Guatemala.

Sechs Stunden! Sechs Stunden warten wir in der Hitze der verdreckten Grenzabfertigungsanlagen. Gegen vier Uhr kommen wir dort weg. Viel zu spaet. Die Sonne geht schon unter und ich erinnere mich an eine Tipp...“ Fahrt nicht im Dunkeln.„ Ach so, ja, nun gut... wo also uebernachten?

Zelten? Hier? Niemals! Der Reisefuehrer spricht von einem Beachhostel 10 km abseits der Hauptstrasse... Ein weiterer Tipp faellt mir ins Gedaechtnis... „Niemals die Hauptstrasse verlassen“. Bis zur naechsten Stadt schaffen wir es nicht mehr im Hellen, das Hostel ist nach 10 km Dirtroad zu erreichen. Wir tun es. Entscheiden uns fuer die Abseitsroute bis zum Pazifikstrand. Barra de Santiago heisst das Ziel.

Vielleicht nicht die beste Entscheidung... dachte ich als ich an den dichten und hohen Zuckerrohrfeldern vorbeifahre. Nichts um uns herum als meterhohe Zuckerrohrstangen. Ideal um daraus auf die Strasse zu springen und „Boeses zu tun“. Das ungute Gefuehl wurde umso staerker, als mir klar wurde, dass wir diese Strecke morgen auch zurueckfahren muessen... eine Einbahnstrasse. Genug Zeit fuer Halunken einen sauberen Ueberfall vorzubereiten...

Egal, zum Umkehren ist es zu spaet jetzt... wir muessen dieses Hostel finden... wir kommen durch ein kleines Dorf, Holz- und Bambushuetten am Wegesrand, Hunde rennen bellend hinter uns her, Huehner springen zur Seite, Kinder starren uns nach oder winken uns zu. Wir fragen mehrfach nach dem Hostel, so dass auch wohl das ganze Dorf weiss, dass dort drei „reiche“ Gringos auf Motorraedern uebernachten. (Vielleicht nicht so geschickt gewesen, doch wir waren eh unuebersehbar). Nach weiteren 4 km kamen wir dann an den Strand... noch 100 Meter durch den Sand, dann sahen wir die „Casa Capricia“. Schnell die Motorraeder geparkt, umgezogen und ab ins Meer... den Dreck und die schweren Gedanken an die unsichere Gegend abwaschen. Der Dreck war nachher weg ...

Einsam liegt dieses Hostel, richtige Schloesser gibt es nicht an den Tueren ... nach einem sehr guten Fischessen schlafen wir dann ein, in der Hoffnung nicht schon in der Nacht gepluendert zu werden. Doch nichts geschieht... alles noch da, alles lebt noch am naechsten morgen.

Nach dem Fruehstueck gehts die 12 km wieder zurueck. Ich ermahne meine beiden Mitfahrer bei den Zuckerrohrfeldern dicht zusammenzubleiben und recht zuegig zu fahren... Wir brechen auf... fahren durch das Dorf, an ein paar Wiesen vorbei und dann bei Kilometer sechs, kurz vor dem Zuckerrohr, steht ein Klein-LKW mit ein paar Frauen zum Transport hinten auf der Ladeflaeche. Der Fahrer winkt mich heran. „Ihr solltet dort nicht weiterfahren. Ich weiss, dass dort drei „Banditos“ mit Schrotflinten auf Euch warten.“ In dem Moment kommen noch 2 Farmer aus den Feldern und rufen uns von weitem zu... „Routa muy peligrosa ...“ (Strasse, sehr gefaehrlich).

Schluck

Wusste ich es doch! Und nun? Ich bitte den Fahrer, die Policia zu informieren. Er greift zum Handy, ruft an, spricht und legt auf. Ichhoffe so sehr, dass er sagt, dass sie uns gleich eine Eskorte geben... „No petrol for car de policia“ (Kein Benzin im Polizeiauto) war die Antwort und er bietet an: “Fahrt dicht hinter mir her. Ich fahre so schnell es geht, haltet auf keinen Fall an. Das ist Eure einzige Chance.“

Grad will ich ueber den Vorschlag nachdenken, da gibt er schon Gas. Also gut, keine Zeit zum ueberlegen ... probieren wir es. Dave und Bryn stehen 200 Meter weiter vorn und wissen noch von gar nichts. Ich rase dicht hinter dem Kleintransporter her ... rufe Dave and Bryn zu „Come on, go, go, go ... out of here“. Auch die beiden geben Gas und folgen …

Der Transporter wirbelt Staub auf... die Dirtroad hat einige Schlagloecher zu bieten. Doch wenn man nur 2 Meter und mit 80 km/h direkt hinter einem Transporter klemmt, gibt es keine Chance einem Schlagloch auszuweichen...

Es rappelt maechtig an den Stossdaempfern, ich hoffe nur das keines der Loecher so gross ist, dass es einen von uns aus dem Sattel wirft... egal, die Alternative ist nicht weniger attraktiv ... weiter, schneller ... Ich hoere, wie die Frauen hinten auf der Ladeflaeche anfangen zu kreischen und sehe, wie sie sich krampfhaft am Gitter des Wagens festkrallen...

Der LKW rast durch die Schlagloecher und Unebenheiten der Strasse. Staub um mich herum, Staub im Helm, der Dreck knirscht schon zwischen den Zaehnen. Meterhoch fliegt der Zuckerrohr an mir vorbei. ... ich versuche an dem Transporter vorbeizuschauen... sehe den Weg ... keiner steht dort, jeden Moment kann einer auftauchen, sehe sie schon vor meinem geistigen Auge einige hundert Meter weiter auf der Strasse stehen und auf uns zielen. Schweiss vermischt sich mit dem Dreck und rinnt mir beissend in die Augen, ich spuere meinen Herzschlag deutlich an der Halsschlagader ... Bin in hoechster Alarmbereitschaft... Hundert Gedanken schiessen durch den Kopf, wie es immer ist, wenn sich alles auf Alarm in mir stellt ... „Hoffe der Transporter bremst nicht, dann haenge ich hinten drin. Jetzt nur kein grosses Schlagloch, dass mich jeden Moment vom Motorrad holen kann. Hoffentlich schiessen die nicht auf die Reifen oder streuen Naegel, wie es oft passiert. Jetzt eine Motorradpanne, das waers. Hoffentlich kann ich mit der Geschwindigkeit mithalten, nicht das ich hier noch abgehangen werde ... all das schiesst mir geschmiert mit einer Menge Adrenalin durchs Gehirn. Haette ich doch gestern nur auf mein ungutes Gefuehl gehoert und waeren auf der Hauptstrasse geblieben... aber jetzt ... jetzt muessen wir da durch.

Ploetzlich wird es wieder etwas heller um uns herum. Die Zuckerrohrfelder sind zu ende. Wiesen ... weit einsehbare Wiesen sind wieder sichtbar. Was ein schoenes Gefuehl ... doch noch geht es mit Vollgas weiter fuer einen Kilometer. Dann endlich bremst der Transporter, haelt an. Ich rolle zum Fahrer vor. „Hier solltet ihr wieder sicher sein, wo ist der Dritte?“ Mir faellt auf, dass Bryn nicht hier ist. „Der hats dann wohl nicht geschafft“, meint der Fahrer trocken. „Shit“ kann doch nicht sein, hoffentlich biegt er gleich um die Ecke... dann ... ein Motorgeraeusch, Bryn faehrt um die Kurve und schliesst zu uns auf. „Too much dust“ war seine Antwort auf neuseelaendisch, daher sei er langsamer gefahren. Nun gut, dass ist Prioritaetensetzung auf neuseelaendisch.

Ich bedanke mich herzlichst bei dem Fahrer. Die Frauen auf der Ladeflaeche haben ihre natuerliche Hautfarbe etwas verloren. Blass von der Sturmfahrt starren sie uns an. Wir winken ihnen erleichtert zu, doch keine reagiert darauf.

Nach zwei weiteren Kilometern sind wir wieder auf der Hauptstrasse. Dort erst kann ich Dave und Bryn erklaeren, was das ganze sollte. Selten war ich so erleichtert, eine vielbefahrene Strasse zu sehen!

Zu den Fotos: 1. Grenze El Salvador 2. Dave aus Texas (hier klicken um auf seine Website zu gelangen) 3. Bryn beim Luftmatratze aufblasen fuer die Bodennaechtigung 4. Strand von Barra de Santiago 5. Schmutzige Geschaefte am Strand 6. Das Hostel am Strand 7. Ich im Gespraech mit dem LKW Fahrer kurz vor der Sturmfahrt 8. Geschafft


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