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EmotionalsKinderseelen sterben leise

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Einige Tausend Faelle von Kindesmissbrauch gab es in letztem Jahr in Thailand, einmal ganz losgeloest von der professionellen Kinderprostitution. Solch nur vage Angaben gibt die Statistik in Thailand her und obwohl sie von tausenden von Faellen spricht versteht es ein solches Zahlenwerk kaum, die Dimension und Brutalitaet dieses Verbrechens nur annaehernd zu vermitteln.

Von einem solchen Verbrechen im Detail zu erfahren macht es konkret und offenbart erst in dieser Konkretheit seine oft nur geahnten Grausamkeiten. In Kanada habe ich von solch einem Fall von Kindesmissbrauch erfahren:

Bis nach Whitehorse hatte ich es mit dem Motorrad gebracht. Whitehorse, das ist ca 200 km oestlich von Skagway in Alaska. Es ist 0015 Uhr und noch immer ist es hell. Ich bin eben doch schon recht weit oben auf der Nordhalbkugel. Gar nicht so weit entfernt vom Polarkreis. Sonnenuntergang war um 23.21 Uhr. Richtig dunkel wird es nicht. Es wird daemmrig bleiben.

Das helle Licht der Nacht dringt ungewohnt und stoerend durch die gelbe Plane meines Zeltes. Schlafen kann ich bei der Helligkeit einfach nicht und so mache ich mich auf und laufe noch ein wenig durch die kleine Stadt. Das YUKON INN unterhaelt eine Karaoke Bar. Dort treffe ich auch Linh. Er ist Thailaender, fuehrt hier in Kanada ein gut laufendes Motel, faehrt einen grossen Gelaendewagen, einen Hummer soweit ich das durch die milchigen Glasscheiben der Bar erkennen kann und fliegt drei mal im Jahr nach Chiang Mai, seiner Heimatstadt in Thailand, um sich dort fuer Kinder nahe der burmesischen Grenze zu engagieren.

„Insbesondere missbrauchte Kinder haben es mir angetan“, sagt er. „Das was da abgeht, ist oft schon erschuetternd genug, doch denkt man sich erst mal in den Kopf eines dieser Taeter hinein, wird einem richtig schlecht.“ sagt er verbittert und erzaehlt mir von jenem Fall, den er im letzten Jahr sehr intensiv betreut hat. Kontakt hat er gehabt zur kleinen Nhan, dem 12 jaeherigen Opfer, ihren Eltern und selbst mit dem Taeter hat er ausfuehrlich gesprochen.

Linh hat schon ein paar Bier getrunken und ist recht redseelig. Ich gebe ihm noch eines aus und hoffe er berichtet mir weiter von dem Fall. Und er tut es. In aller Ausfuehrlichkeit. Vielleicht sogar mehr als mir lieb ist...

Linh erzaehlt mir insbesondere von den Gespraechen mit dem Taeter. Er beschreibt alles sehr detailliert und lebendig, so dass ich mit ihm regelrecht in die Gedanken des Taeters eintauche. Daher moechte ich versuchen, die Geschichte von Nhan einmal aus einer anderen Perspektive als gewoehnlich zu schildern. Naemlich durch die Augen von Vinh, so soll er geheissen haben, der Taeter, der Kindsvergewaltiger...

Wie alt mag sie wohl sein? Vielleicht elf oder zwoelf? Nun ja, es spielt nicht wirklich eine Rolle. Sie wirkt so edel, so anmutig. Wie seidig hier schwarzes Haar faellt. Wie unschuldig und rein ihr Gesicht noch ist. Nichts hat sie verdorben. Sie steht in der Gruppe zusammen mit ihren Freundinnen ... etwas ausserhalb und bildschoen. Sie blickt umher. Ihr Blick streift mich dunkelbraun und funkelnd aus ihren Augenwinkeln, ich winke herueber, sie laechelt und richtet ihre huebschen Kinderaugen etwas verschaemt zu Boden.

Ich habe sofort gespuert, dass dort etwas zwischen uns ist. Kein Zweifel. Das merke ich einfach! Es war Liebe auf den ersten Blick. Bin sicher, das hast DU auch sofort gespuert. Ich wollte mit Dir allein sein. Habe gewartet, bis Deine Freundinnen gegangen waren. Irgendwann war es soweit, jeder ging seine Wege. Auch du gingst und hattest noch etwas im Park zu tun. Hast dort am Waldrand gespielt, genau dort, wo auch ich mein zweites Haus, meine Huette habe. Mit einem Stueck Holz hast Du Namen in die Erde geritzt und ich ... ich konnte es aus der Ferne beobachten. Es waren die Namen Deiner Freundinnen und Dein Name. Deiner war am schoensten von allen. „N h a n „ wunderschoen.

Du hast Dich etwas erschreckt, als ich hinter Dir stand, Dich ansprach, nicht wahr ... „Er ist schoen, Dein Name“, hab ich gesagt. Du hast mir geantwortet ... das erste mal hattest Du da zu mir gesprochen ... Ich musste laecheln als ich Deine Stimme so nah bei mir hoerte ... „Lass mich in Ruhe...“ hast Du gesagt, ich weiss es noch genau ... und doch, ich habe es gesehen, in Deinen Augen, ... Du hast ein wenig dabei gelaechelt, ja, das hast Du. Und da wusste ich es. Du warst durchschaut. Du hast es auch gespuert. Es ist etwas Besonderes zwischen uns. Vom ersten Tag an war Liebe zwischen uns ... und bis heute ist es so, Nhan, nicht wahr?

Du hast Dein Armkettchen verloren, als ich Dir den Weg durch den Wald zeigen musste, doch ich hatte ein neues fuer Dich. Es war eine schoen Zeit in unserem Versteck, fandest Du nicht auch? Sicher, wir mussten uns aneinander gewoehnen. Doch das ist normal. Ein paar Tage nur ... und alles war so perfekt zwischen uns? Ich habe Dir genuegt. Du wolltest nicht mehr nach Hause. Hier war jetzt Dein zuhause. Du hattest verstanden, du hattest es auch gespuert. Du gehoerst zu mir, wir gehoeren zueinander, Nhan. Wir sind eine richtig kleine Familie.

Es waren die anderen, die unsere Liebe nicht verstanden haben. Sie waren es, die uns trennen wollten. Und irgendwann, dann hatten sie Dich soweit. Du hattest gegraben, weisst Du noch? Du hattest ein Loch gegraben an der Rueckseite unserer Huette. Mit einem Loeffel, ja, es war ein richtiger kleiner Tunnel und das direkt unter unserem gemeinsamen Bett. Dort, wo wir uns das erste mal so wahnsinnig lieb hatten. Ich weiss gar nicht, wie Du das geschafft hast... Du musst wochenlang daran gearbeitet haben ... Ja, irgendwann, da hatten sie Dich soweit ... und du bist zu Ihnen gelaufen. Ich kann es ein wenig verstehen. Du wolltest Deine Familie wiedersehen, nicht wahr? Vielleicht haette ich nicht so streng zu Dir sein duerfen. Oder vielleicht haette ich Dir mein Armkettchen etwas enger anlegen sollen, wenn ich mal nicht zuhause war...

Doch warum hast Du Ihnen erzaehlt von uns, unserem kleinen zuhause? Sie sind gekommen und haben mich geholt, wusstest Du das? Wolltest Du das? Das kannst Du nicht gewollt haben, Du nicht, meine Liebe.

Ich verstehe Dich nicht, Nhan. Gut hast Du es gehabt bei mir. Ich war lieb zu Dir, Du warst lieb zu mir. Alles war in Ordnung. Du warst mein Engel... du bist mein Engel. Wieviel wuerde ich darum geben, Dich wieder zu sehen. Du nicht auch?

Wochen sind vergangen. Wochen ohne Dich... Doch jetzt, jetzt kann ich wieder nach Hause. Unser Traum kann weiter gehen. Freust Du Dich?

Doch ich finde Dich nicht. Du bist nicht in unserem Wald. Du bist nicht bei Deinen Eltern, Nhan... auch in der Schule bist Du nicht. Bist Du krank? Deine Freundinnen wollen mir nicht sagen, wo Du bist. Ich glaube, sie haben mich noch nie gemocht.

Doch dann, dann haben mir Deine Eltern den Weg gezeigt. Es war nicht einfach, ihnen zu folgen. Sie mit dem Auto und ich mit dem Fahrrad quer durch die Stadt. Beinahe haette ich sie verloren, doch sie fuehrten mich zu Dir. Sie fuehrten mich zu einem Krankenhaus in Chiang Rai. Du warst krank? Warum hast Du mir denn nicht geschrieben?

Ich habe gewartet, bis sie wieder wegfuhren. Ich hoerte Deine Mutter sagen „Ich wuensche mir so sehr, dass Nhan wieder spricht... nur ein paar Worte...“. Gut, dass du nicht alles erzaehlst, meine Kleine. Das ist nur unser Geheimnis. Ich finde, sie muessen nicht alles wissen und ich finde, sie muessen nicht dabei sein, bei unserem Wiedersehen. Wir haben so viel Privates zu besprechen, meinst Du nicht auch? Moechtest Du nicht auch?

Ein paar Unterlagen habe ich gesehen in ihrem Auto. Es waren Deine Krankenunterlagen. Wie gut, nicht wahr, dass ich sie gefunden habe. Sie verrieten mir Deine Zimmer Nummer... Ich bin wieder da, bald, pass auf Dich auf, Nhan. Ich besuche Dich ... gleich morgen ... freust Du Dich? Ich ... ich kann es kaum erwarten dich wieder zu sehen, dich wieder zu fuehlen, dich wieder zu riechen!

Besuchstag! Es war gar nicht schwer in den 3. Stock zu kommen. Alle sind sie so freundlich hier und erklaeren mir den Weg zu Dir. Leise klopfe ich an Deine Tuer. Keine Antwort. Bestimmt ruhst Du Dich ein wenig aus. Schlaefst ein wenig. Ich bin etwas nervoes. So lange haben wir uns nicht mehr gesehen ... Leise oeffne ich die grosse Tuer. Drei Betten sind in dem Zimmer, doch nur Du bist dort... und schlaefst. Ich setze mich leise neben dir auf die Matratze. Schaue Dir lange zu. Atmest tief. Es tut so gut, Dich wiederzusehen. Ja, du bist unglaublich schoen. Wie sehr ich Dich doch mag, Nhan ... Ein wenig blass bist Du und abgenommen hast Du auch. Pflegen sie Dich denn nicht gut hier? Deine Wangen, dein Hals ... sie duften wie damals. Deine Augen, sie zucken im Schlaf. Vielleicht traeumst Du grad schlecht. Dein Kopf bewegt sich hin und her ... ja, bestimmt, du traeumst schlecht. Vermisst Du mich denn so sehr? Aber ich bin doch hier.

Ich werde Deinem Alptraum ein Ende machen ... ich werde Dich wecken, ganz vorsichtig, damit Du Dich nicht erschrickst. Ich beruehre Deine Wangen, deine Schulter. Du hast nur ein so duennes Nachthemdchen an ... Ich schaue darunter... wie sehr Du doch schon erwachsen bist. Und gleichzeitig noch so ... so jung und unschuldig.

Nhan ... N-h-a-n ... hoerst Du mich... ich bin wieder da. Bin wieder zuhause...

Nhan erwacht und ist erneut ihrem Vergewaltiger ausgeliefert. Fakt ist, dass der 41-jaehrige Vinh die kleine Nhan ein weiteres mal und im Bett des Krankenhauses missbraucht hat. Die organischen Verletzungen waren so heftig, dass eine Operation erforderlich war. Keiner hat an dem Tag etwas bemerkt. Nhan hat weiterhin geschwiegen. Erst eine Routineuntersuchung am folgenden Tag brachte den schrecklichen „Befund“ hervor. Die Aerzte, die Schwestern, alle waren entsetzt und fassungslos als sie zu dem Schluss kamen, das ER dagewesen sein muss. In ihrem Krankenhaus.

Die Eltern machen sich enorme Vorwuerfe. Nach ein paar Wochen holten Sie ihr Kind nach Hause. Ihr Vater, kommt nur schwer darueber hinweg, seine Tochter gleich zweimal nicht beschuetzt zu haben und schlimmer noch ... gar den Taeter zu ihr hingefuehrt zu haben.

Jeden Abend nach der Arbeit sitzt er zuhause und haelt sie in seinen Armen. Fest an sich gedrueckt. Wange an Wange. Stundenlang. Still. Mit Traenen in den Augen. Nein, Nhan weint nicht, hat keine Traenen mehr. Lethargisch starrt sie in die Welt, die fuer Sie so wenig Heimat geworden ist seit den Ereignissen, eine Welt, in der sie jetzt nicht sein moechte, eine Welt aus der sie sich verabschiedet hat. Sie hat sich nach innen gekehrt. Ihre Blicke sind leer, nichts erreicht sie von aussen. Nichts, auch nicht die Waerme ihres Vaters, der sie doch so innig haelt.

Er will so sehr wiedergutmachen. So sehr wieder ungeschehen machen. Doch er kann nichts gutmachen, niemand kann etwas gutmachen, nicht jetzt, viel spaeter vielleicht. Zu zerstueckelt ist die Kinderseele. Zu tief vergraben hat Nhan die Seelentruemmer, zu unerreichbar, zu kaputt. Zu kaputt um die Liebe der Eltern zu spueren, zu kaputt vielleicht, um jemals wieder Liebe zu spueren.

Verloren hat sie das Vertrauen in die Welt. Zerstoert ist alles was aufgebaut war. Jetzt ist auch nicht die Zeit, um mit einem neuen Aufbau zu beginnen. Es ist eine Zeit der unbedingten Stille, des Erstarrens vor dem Geschehenen. Nichts erreicht, Nichts kommt an, Nichts wird gedacht, Nichts wird gefuehlt. Nichts, nicht einmal die Einsamkeit in diesem tiefen Zurueckgezogensein.

Still, unerreichbar und unaufhaltsam blutet sie aus, die Kinderseele. Leise stirbt sie vor sich hin. Leise stirbt alles was Kind war und uebrig bleiben scharfe Scherben, aus denen irgendwie ein neues Inneres entstehen muss ... eines dass fuer ein ganzes Erwachsenenleben zu reichen hat.

Ein neues Inneres wird Nhan irgendwann in sich tragen, ja, doch es wird unendlich viele scharfe Ecken und Kanten haben und es wird sie fuer den Rest ihres Lebens unendlich oft verletzen, verunsichern und beaengstigen. Ein neues Inneres mit zu vielen Loechern als dass jemals wieder genuegend Vertrauen darin sein koennte, um der Welt ohne Angst und Zweifel entgegenzutreten.

Linh hat mir diese Geschichte sehr detailliert und mit viel Herzblut geschildert. In seinen Augen konnte ich waehrend er erzaehlte Wut und Ohnmacht erkennen. Und auch mir ist diese Geschichte so sehr nahe gegangen.

Kinderseelen sterben leise und es schmerzt sehr, wenn man sich die Muehe macht, einmal in diese Stille hineinzufuehlen.

Ich hoffe sehr, auf meiner Reise, die Gelegenheit zu haben, ein Projekt zur Hilfe missbrauchter Kinder anzugehen. Ja, das sollte gelingen.


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