KM-Stand: 235317

EmotionalsLoslassen

Click to donate

Als Abfahrtstag hatten wir den 1. Mai geplant. Zwei Tage zuvor am 28. April war der Tag an dem ich mich zum ersten mal ein wenig unbehaglich fühlte mit meiner Entscheidung. Meine Wohnung ist leergeräumt und renoviert. Keine vertrauten Bilder, keine Möbel, nur das nackte Parkett und weisse Wände. Übernachtet hatte ich auf meiner "Downmed 9" klingt sehr medizinisch, ist aber eigentlich nur eine völlig überteuerte Luftmatratze mit Daunenfedern darin, die ich mir für die Reise zugelegt hatte. Es macht irgendwie schon ein komisches Bild, so allein mitten auf dem Parkett mit einer Luftmatratze und gepackten Reisetaschen morgens aufzuwachen und zu wissen ... das wars mit dem bisherigen Leben. Cut!

Zwei Stunden später hatte ich den Schlüssel für die letzte Übergabe an den Hausmeister in meinen Briefkasten geworfen und stand nun mit meinem völlig vollgepackten Motorrad, meinem neuen Zuhause, in meiner Strasse. Ich würde mich jetzt auf die BMW setzen und nach Köln fahren, um 2 Tage später von dort die Reise zu starten. Gar nicht so einfach loszulassen. Ich weigerte mich innerlich dieses vertraute Bild, meine Strasse, meine Wohnung, meine Stadt zu verlassen und von jetzt an dem Ungewissen entgegen zu fahren.

"Komm Theo, genauso hast Du es gewollt. Und das dich das alles nicht kalt lässt, hast du gewusst." erklärte ich mir die Situation. Aber Erklärungen helfen selten, wenn es um Gefühle geht. Das Herz hält nämlich nichts von solcher Logik. Es hat seine eigenen Gesetze nach denen es funktioniert.

Also setzte ich mir den Helm auf, kletterte auf mein neues Zuhause und klemmte mich erstmals zwischen Tankrucksack vorne und dem querliegenden Ersatzreifen hinter mir in eine erste und sicher noch zu überarbeitende Sitzposition. Ein letzter Blick auf das Reihenhaus in dem ich 10 Jahre verbracht habe, einmal tief Luft geholt, um die aufkommenden Tränen zu verhindern und die Kupplung langsam kommen lassen... Good Bye, Bad Homburg

Erster Mai 2007. Abfahrtstag. Endlich war er gekommen, der Tag auf den ich seit Monaten hingearbeitet hatte.

Heute ist der Kopf frei. Alles ist geregelt. Alles. Heute morgen hatte ich mir noch die letzten Fäden meiner Zahnoperation ziehen lassen. Auch das ist erledigt. Keine beruflichen Verpflichtungen mehr, keine Wohnung mehr, alle Impfungen erledigt, Versicherungen und Finanzen ... alles ist heute auf Weltreise umgestellt. Jetzt heißt es nur noch Abschied nehmen und abfahren.

Nur noch Abschied nehmen? Erst jetzt, nachdem alles geregelt ist, wird mir richtig bewusst, dass ich Eltern und Freunde vielleicht für zwei Jahre nicht mehr sehen werde. Der Gedanke ist nicht neu, doch so konkret und präsent, wie er jetzt ist, erschreckt er mich.

Deutlicher denn je zuvor spüre ich bei den vielen letzten Umarmungen, wie viel mir doch manche Menschen bedeuten. Vielleicht bedarf es solcher Momente, um sich der wirklichen Intensität einer Beziehung oder Freundschaft bewusst zu werden. Gerade in den wenigen letzten Sekunden des Abschieds, des letzten Berührens, des letzten Blicks wird für beide in höchster Intensität spürbar was einander verbindet. Eine anstrengende aber sehr schöne Erfahrung, die ich jedoch gerne mit auf meine Reise nehme.

11.10 Uhr ließen wir die 50 PS starken Motoren unserer BMW F 650 GS Dakar an und fuhren hinein in unser kleines Abenteuer. Ich habe es getan ... ich habe losgelassen ....


« Zurück zu Emotionals